Jean-Pierre Wuytack, CEO von Vandersanden, zur Nachhaltigkeit in der Ziegelproduktion

Backsteine mit Zukunft – die Energiewende im Baustoffsektor

Europa hat sich zum Ziel gesetzt, eine CO2-neutrale Industrieproduktion bis zum Jahr 2050 zu erreichen. Derzeit laufen die Vorbereitungen zur Einführung von Phase 4 des europäischen Emissionshandelssystems ETS. Doch Ziegel müssen im Ofen gebrannt werden, um ihre bauphysikalischen Stärken auszuspielen. Dafür wird viel Energie benötigt. Hat gebrannter Ton unter diesen ambitionierten Bedingungen noch eine Zukunft? Darüber sprach die ZI-Redaktion mit Jean-Pierre Wuytack, CEO von Vandersanden.

Herr Wuytack, passt traditioneller Backstein noch zu ambitionierten Umweltzielen?

Jean-Pierre Wuytack: Meine zuversichtliche Antwort lautet: Ja! Vormauerziegel und Pflasterklinker sind als Baumaterial so lebendig und leistungsfähig wie eh und je! Selbst in diesen unruhigen Zeiten blicken wir bei Vandersanden weiter nach vorn und arbeiten an unseren Plänen für die nähere und auch für die fernere Zukunft. Denn bei Vandersanden sind wir stolz darauf, nicht in Jahren, sondern in Generationen zu denken. Entsprechend bin ich äußerst zuversichtlich, dass auch unsere nächste Generation Vandersanden-Steine produzieren wird.

Wie sehen diese Pläne aus?

Jean-Pierre Wuytack: Der Fassadenziegel und die Ziegelproduktion werden sich tiefgreifend verändern. Energieeffizienz ist ein wichtiger Treiber für Einkäufer, Projektentwickler und Lieferanten. Wir arbeiten bereits daran, diese Transformation zu planen und umzusetzen, weil es unser Ehrgeiz ist, bei der Nachhaltigkeit an vorderster Front zu stehen.

Der Übergang vollzieht sich unserer Ansicht nach in zwei Schritten. In der ersten Phase – bis 2030 – wollen wir die Energieemissionen unserer Fassaden- und Pflasterklinkerproduktion und unserer Produkte drastisch reduzieren. Dann legen wir den Horizont bis 2050 fest. Bis dahin werden wir einen Hundertprozent grünen, energieneutralen Brennprozess für unsere Steine erreicht haben.

Wie sehen Sie Klinker im Kontext der Nachhaltigkeit?

Jean-Pierre Wuytack: Klinker sind ein sehr haltbares Baumaterial. Sie bestehen aus natürlichen, oft wiederverwertbaren Rohstoffen wie Ton und Sand. Bei der Herstellung unserer Verblender und Pflasterklinker produzieren wir quasi keinen Abfall.

Doch bei der Ziegelproduktion stoßen wir CO2 aus: beim Brennen und noch mehr beim Trocknen. In Zahlen: Vandersanden emittiert rund 60.000 Tonnen CO2 in seinen belgischen Vormauerziegelwerken Bilzen und Lanklaar und rund 25.000 Tonnen CO2 in den niederländischen Vormauerziegelwerken in Beek und Hedikhuizen.

Dies ist zwar nur ein sehr kleiner Prozentsatz der gesamten jährlichen CO2-Emissionen der Industrie – 18 Millionen Tonnen pro Jahr in Belgien – trotzdem wollen wir nicht bagatellisieren: Wenn es um Nachhaltigkeit geht, soll jeder einen vorbildlichen Beitrag leisten!

Wie will Vandersanden konkret nachhaltiger werden?

Jean-Pierre Wuytack: Die wichtigste Entwicklung ist derzeit die Schlankheitskur unserer Verblender. Dabei handelt es sich um die sogenannte Dematerialisierung, dabei werden die Verblendziegel schmaler. In seiner extremsten Form bedeutet dies: Wir wechseln von Verblendziegeln zu erheblich schmaleren Riemchen.

Ein Standard-Verblendziegel misst heute zehn Zentimenter. Aber die Zeit, als unsere Fassaden mit solch einer dicken Steinschicht verblendet waren, liegt unseres Erachtens hinter uns. Moderne Ziegel benötigen nur noch eine Stärke von secheinhalb bis acht Zentimentern. Nicht nur der Materialeinsatz ist sparsamer, auch im Produktionsprozess verbrauchen wir viel weniger Energie. Einige Varianten sind nicht so viel dünner als die traditionellen Verblender, sind aber durch Vertiefungen im Stein materialsparsamer. Bisher lassen sich so im Maximum 30 Prozent Material einsparen. Der Verschlankungsprozess endet an dieser Stelle aber noch lange nicht. Vandersanden arbeitet bereits daran, den Trend für die Herstellung von Riemchen von nur 1,5 Zentimetern Stärke zu nutzen. Diese lassen sich herstellen, indem man ganze Verblender in Streifen sägt.

Vandersanden war übrigens der erste Hersteller, der auch Handformriemchen ökologisch herstellte. Wir formen diese ECO-Riemchen schon vor der Trocknung und dem Brennen, anstelle sie nachträglich aus normalen großen Verblendern herauszusägen. Das spart eine riesige Menge Material und Aufwand. Zudem produzieren wir keinen unnötigen Abfall, den wir im herkömmlichen Prozess nicht weiterverarbeiten können.

Das bedeutet also eine erheblich Rohstoffeinsparung?

Jean-Pierre Wuytack: Mit in der Form geformten nur zwei Zentimeter starken Riemchenverblendern wird der Rohstoffeinsatz im Vergleich zu traditionellen Riemchen um beeindruckende 80 Prozent reduziert. Der Energieverbrauch halbiert sich. Dafür werden Tonstreifen in Kassetten gelegt und in einem Tunnelofen gebrannt. Vandersanden plant aber, diese Tonstreifen bereits in naher Zukunft in einem Rollenofen zu Riemchen zu backen, so dass auch der Energieverbrauch um 80 Prozent sinken wird.

Durch den geringeren Materialeinsatz sparen wir nicht nur Energie und Rohstoffe ein, sondern können auch die Emissionen beim Transport drastisch reduzieren. Ein weiteres Plus: Durch die Verwendung dünnerer Verblender oder Riemchen ist mehr Platz für die Dämmung in den Hauswänden.

Wie sehen Sie die Diskussion um CO2-neutrale Verblender?

Jean-Pierre Wuytack: Dank der Entwicklung von ECO-Riemchen sind CO2-arme Verblendziegel tatsächlich schon in Reichweite. Dann ist es nicht mehr so schwierig, den nächsten Schritt zu tun, um einen CO2-neutralen oder gar emissionsfreien Ziegel zu produzieren. Angesichts der CO2-intensiven Produktion von Ziegelsteinen auf der Basis fossiler Brennstoffe ist dies heute allerdings noch Zukunftsmusik. Jedoch wollen wir diese Herausforderung bis 2050 gemeistert haben – auch wenn wir noch eine Reihe von Genehmigungshürden überwinden müssen, wie etwa die Erlaubnis zur Produktion von Ökostrom mit Windturbinen.

Bei der ökologischen Produktion von Ziegeln spielt auch die CO2-Neutralität eine Rolle. Welche Strategie verfolgen Sie hier?

Jean-Pierre Wuytack: Durch den neuen Vandersanden-Standard des entmaterialisierten Steins werden wir in Zukunft weniger Energie für die Ziegelproduktion benötigen. Dann wird es einfacher sein, vollständig auf erneuerbare Energien zu setzen. Wir nutzen bereits jetzt die vorhandenen technischen Möglichkeiten zur ökologischen Energiegewinnung umfassend aus. So haben wir auf allen Dächern unserer Fabriken Solarkollektoren installiert und planen eine erste Windkraftanlage an unserem Standort in Lanklaar. Allerdings erweist es sich heutzutage als schwierig und langwierig, Genehmigungen für Windkraftanlagen zu erhalten.

In unserem Pflasterklinkerwerk in Tolkamer verfügen wir seit kurzem über einen neuen, äußerst sparsamen Ofen, der drei ältere Backöfen ersetzt und den Energieverbrauch um rund 30 Prozent senkt.

Wie sehen Sie im Kontext der erneuerbaren Energien das Thema Forschung und Entwicklung?

Jean-Pierre Wuytack: Wir investieren natürlich auch in neue Technologien. Wasserstoff könnte sehr interessant sein, wenn wir ihn aus Wind- oder Sonnenenergie gewinnen könnten. Darauf warten wir allerdings nicht, sondern sponsern ein innovatives Studienprojekt an der Universität KU Leuven zur hocheffizienten Erzeugung von Wasserstoffgas mit Hilfe von Sonnenkollektoren.

CO2-Neutralität ist das klare Ziel auf unserem Weg der kommenden Jahre. Dank unserer modernen, sparsamen Riemchen und der Ökologisierung unseres Produktionsprozesses sind wir bei Vandersanden auf dem besten Weg, bis spätestens 2050 CO2-neutral zu produzieren. Wir hoffen sogar, dann bereits die Null-Emissions-Norm zu erfüllen. Aber auch hier bleiben wir nicht beim Produktionsprozess stehen, sondern beziehen das Produkt selbst auf unserem Weg zur Klimaneutralität mit ein.

Gibt es bei Vandersanden neue EnergiewendeProjekte? Geben Sie uns bitte einen Ausblick.

Jean-Pierre Wuytack: Derzeit sind wir optimistisch, bald sogar CO2-negative Ziegel herzustellen. Das sind Ziegel, die mehr CO2 absorbieren, als bei deren Produktion emittiert wird. Damit würden Vandersanden-Ziegel einen wertvollen Beitrag zu einer funktionierenden Kreislaufwirtschaft liefern. Diese bahnbrechende Innovation hat unsere volle Aufmerksamkeit. Wir glauben fest an ihre Realisierbarkeit, denn die ersten Produktentwicklungen sind äußerst vielversprechend.

Lassen Sie mich betonen: Vandersanden bleibt in Sachen Nachhaltigkeit nicht stehen, sondern wird weiterhin eine ökologische Vorreiterrolle einnehmen. Für uns muss der dekorative Verblendziegel mit der Zeit gehen. Dünnere und damit CO2-arme oder umweltfreundliche Verblendziegel sind nur der erste Teil unseres Öko-Puzzles bei Vandersanden. Sie können sich darauf verlassen, dass wir dem Bausektor den nötigen Schub geben werden, um zur Energiewende in der Ziegelindustrie beizutragen.

Herr Wuytack, vielen Dank für das informative Gespräch!

Interview: Wolfgang Deil,

Redakteur Zi International

Über Vandersanden

Mit zehn Produktionsstätten in Belgien, den Niederlanden, Frankreich, Deutschland und Großbritannien sowie mehr als 700 Mitarbeitern ist Vandersanden der größte familiengeführte Ziegelproduzent Europas. Das Unternehmen produziert zirka 550 Millionen Ziegel pro Jahr für den europäischen Markt und ist laut eigenen Angaben nicht nur Marktführer für Handformverblender in Belgien und Deutschland, sondern auch für das Segment Pflasterklinker in den Niederlanden. In Deutschland betreibt Vandersanden zwei Ziegelwerke, in der Oberlausitz und in Glückstadt. Jaak Vandersanden gründete die Traditionsziegelei Vandersanden 1925 im belgischen Spouwen, unweit der deutschen Grenze.

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