„Das Produkt Ziegel mit gemeinsamer Kraft voranbringen“
Bundesverband Ziegel reformiert seine Strukturen

Mit der Bundestagswahl und sechs Landtagswahlen werden 2021 die parlamentarischen Verhältnisse in Deutschland auf Jahre hinaus neu justiert. Die EU-Kommission unter Führung von Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen hat bereits 2019 mit der Ankündigung des Green Deal klar gemacht, welch große Herausforderungen auf dem Weg zur Klimaneutralität insbesondere auf die energieintensiven Industriesektoren zukommen werden. Um die Interessen der Ziegelindustrie effizienter vertreten zu können, beschloss der Bundesverband der Deutschen Ziegelindustrie (BVZI) eine Reform seiner Strukturen. Dazu unterhielt sich die ZI-Redaktion mit Stefan Jungk und Dr. Matthias Frederichs, Präsident sowie Hauptgeschäftsführer des BVZI.

Das Corona-Jahr 2020 brachte enorme wirtschaftliche, soziale und gesellschaftliche Folgen mit sich. Herr Jungk, Herr Dr. Frederichs, wie fällt Ihr Fazit für die Ziegelindustrie aus?

SJ: Nicht nur wirtschaftlich war die Ziegelindustrie 2020 ein Stabilitätsanker. Gerade in Zeiten mit Millionen von Arbeitskräften in Kurzarbeit freut es mich als Unternehmer, dass die Branche hiervon weitgehend nicht betroffen war und durchgehend Dach- und Mauerziegel produzieren konnte. Es gab nur sehr punktuelle Ausnahmen, die meist am konkreten Infektionsgeschehen vor Ort lagen. Im Großen und Ganzen kann man sagen, dass die Unternehmer und die Beschäftigten 2020 eindeutig bewiesen haben, dass Sie sich auch in stürmischen Zeiten aufeinander verlassen können und das ist auch gut so.

MF: Die finalen Zahlen für 2020 haben wir leider noch nicht. Mit Bezug zum internen Stimmungsbild kann ich aber sagen, dass wir als Branche, unter Berücksichtigung aller Umstände, solide durch das Jahr gekommen sind. Dennoch schließen wir aktuell keine Spätfolgen durch Corona aus. Was sich aber vergangenes Jahr bestätigt hat, trotz Krisenzeiten wurde weiter gebaut oder besser gesagt, die Baubranche war die zentrale Stütze der Konjunktur. Hier leisten wir als Ziegelindustrie gerne unseren Beitrag.

Neben temporären Herausforderungen gibt es vor allem längerfristige: Nicht nur die bundesdeutsche, vor allem die europäische Gesetzgebung im Rahmen des Green Deal wird die Ziegelindustrie in den nächsten Jahren vor große Herausforderungen stellen. Welche sind das?

SJ: Obwohl weite Teile der deutschen Wirtschaft nach wie vor um das eigene Überleben kämpfen, wurden bei den klimapolitischen Maßnahmen 2020 ordentlich die Daumenschrauben angezogen. Der Green Deal ist für uns allerdings nicht nur eine langfristige, sondern auch eine kurzfristige Herausforderung. Aus Brüssel heraus wurden kurzerhand nicht nur die klimapolitischen Ziele bis 2050 angehoben, sondern auch für 2030. Als kapitalintensive Industrie brauchen wir langfristige Planbarkeit, da sind zehn Jahre schon fast ein Katzensprung. Jetzt müssen wir kurzfristig bis 2030 circa 15 Prozent mehr CO2 einsparen, als es uns von der Politik jahrelang versprochen wurde. Parallel dürfen wir aber auch das dauerhafte Ziel der Wettbewerbsfähigkeit nicht aus den Augen verlieren.

MF: Durch die stark steigenden CO2-Kosten steht den Unternehmen in den kommenden Jahren bei voraussichtlich gleichbleibender, international einzigartig hoher Abgabenlast weniger dringend benötigtes Investitionskapital zur Verfügung. Umso wichtiger ist es deshalb, den Carbon-Leakage-Schutz langfristig zu verstetigen und weiter für eine ausgewogene Folgenabschätzung der zahlreichen klimapolitischen Vorhaben zu streiten.

Wie bleibt die Ziegelindustrie angesichts dessen wettbewerbsfähig?

MF: Wir sind hier aktuell noch mitten im Prozess. Voraussichtlich im Februar werden wir unsere Roadmap zur Klimaneutralität bis 2050 vorstellen. Anhand von drei Szenarien werden wir aufzeigen, unter welchen technischen Voraussetzungen und mit Blick auf Investitions- und CO2-Vermeidungskosten es gelingen kann, dieses Ziel zu erreichen. Auch wenn ich den finalen Ergebnissen nicht vorgreifen möchte, kann ich schon einmal sagen, dass die letzten Schritte in Sachen Klimaneutralität auch für uns die schwersten und teuersten wären. Eines steht aber schon jetzt fest. Mehr denn je sind wir wettbewerbsfähig durch die Qualität und Eigenschaften unserer Produkte, durch unseren Service und die ausgezeichneten Kontakte zu unseren Kunden.

SJ: Die Roadmap wird mehr Klarheit bringen, was Klimaneutralität 2050 eigentlich für die Ziegelbranche bedeutet. Unabhängig davon, sind wir aber auch darauf angewiesen, dass die Politik Wettbewerbsfähigkeit in Form von Technologieoffenheit, langfristiger Planungsräume und sinnvoller Förderung gewährleistet und auf gar keinen Fall anfängt, die Baustoffindustrie von oben herab zu steuern, beispielsweise durch Quoten. Eine enge Abstimmung zwischen Wirtschaft und Politik ist in den kommenden Jahren für die Wettbewerbsfähigkeit absolut essentiell.

Der Bundesverband Ziegel entschloss sich im letzten Jahr zu einer Reform seiner Strukturen. Warum? Was erhoffen sie sich davon?

SJ: Wir werden uns auch nach Corona als Branche in stürmischen Zeiten befinden. Umso wichtiger ist es, dass wir alle enger zusammenrücken, schlanke Strukturen schaffen und unter einem Dach zusammenkommen. Das hat zwar auch in der Vergangenheit schon gut funktioniert, eine zentrale Steuerung fehlte jedoch. In den vergangenen Jahren haben wir als Branche leider einiges an Potenzial auf der Strecke gelassen, da an zu vielen Stellen ein eigenes Süppchen gekocht wurde.

MF: Genau, faktisch ändert sich in der Arbeitsweise der verschiedenen Organisationen und Vereine auf den ersten Blick nichts. Hinter den Kulissen aber, stimmen wir Arbeitsprozesse idealer aufeinander ab, sodass wir insgesamt effizienter arbeiten und das Produkt Ziegel auf den zahlreichen Ebenen mit gemeinsamer Kraft voranbringen.

Was hat sich konkret verändert, was genau wurde neu strukturiert und welche Konsequenzen bringt das mit sich?

MF: Formal sind die Tätigkeiten der Arbeitsgemeinschaft Mauerziegel und des Ziegel Zentrum Süd rechtlich, inhaltlich und personell zum 1. Januar 2021 auf den Bundesverband übergegangen. Die Alt-Vereine sind zum Ende des Jahres 2020 aufgelöst worden. Gleichzeitig konnten die Interessen der Hintermauer-Ziegelindustrie in einer gesonderten Fachgruppe im Bundesverband gebündelt werden. Neben der spartenspezifischen technischen Lobbyarbeit ist nunmehr auch die bundesweite Hochschularbeit für Bauingenieurslehre und Architektur Teil des Leistungsspektrums des Bundesverbandes. Auch sonst sind Gremien der Branche zusammengefasst worden, um nun mit einer neu definierten Agenda Zukunftsthemen wie nachhaltiges Bauen, Ressourceneffizienz und Klimaschutz proaktiv zu besetzen.

SJ: Uns ist es wirklich gelungen, alte, man kann fast schon sagen verkrustete, Verbandsstrukturen aufzubrechen und zu modernisieren. Durch die Eingliederung des Ziegel-Zentrum-Süd in den Bundesverband können wir die so wichtige Hochschularbeit einfacher deutschlandweit ausrollen. Zusätzlich haben wir mit dem Unternehmerkreis endlich ein Forum, um agiler auf aktuelle Herausforderungen zu reagieren und um als Ziegelindustrie geschlossener gegenüber dem Markt und der Politik aufzutreten.

Welche Themenschwerpunkte, neben den bereits angesprochenen, werden Sie 2021 setzen?

MF: 2021 finden neben der Bundestagswahl auch noch sechs Landtagswahlen statt. Da bewegt sich politisch einiges in den Parlamenten und vor allem werden die Wegmarken für kommende Jahre gelegt. Nachhaltigkeit spielt dabei sicherlich die übergeordnete Rolle, doch auch das bezahlbare Bauen und Mieten sind für den Erfolg von Parteien immer entscheidender. Unser Ziel ist es, beides miteinander zu verknüpfen, beispielsweise bei der energetischen Gebäudesanierung oder bei der Forderung nach Technologieoffenheit bei der Auswahl von Baustoffen. Sicherlich wird uns auch die Corona-Pandemie noch das ganze Jahr über begleiten. Insofern ist es nicht ausgeschlossen, dass sich die politischen Prioritäten noch schneller als bisher verschieben.

SJ: Aus persönlicher Sicht blicke ich zunächst gespannt auf die Landtagswahl in meinem Bundesland Rheinland-Pfalz. Aus unternehmerischer Sicht möchte ich noch hinzufügen, dass sich auf dem deutschen Häusermarkt im vergangenen Jahr einiges geändert hat: Die Coronakrise mit Millionen von Menschen in Quarantäne und einem großen Teil der Wirtschaft im Home-Office, hat bei vielen Menschen die Sehnsucht nach einem Eigenheim mit Haus und Garten ausgelöst. Die meisten Menschen wünschen sich wieder verstärkt ein (Steil-)Dach und die eigenen vier Wände – im Idealfall mit Dachziegeln und wärmespeichernden Mauerziegeln. Doch um das flächendeckend zu erreichen, ist es wichtig, dass auch weiter gebaut werden kann. Viele Initiativen, da denke ich zum Beispiel an das Baukindergeld, gehen hier in die richtige Richtung, aber die Wohnkrise besteht nach vor, Bauland ist teuer wie nie und auch die Effizienz beim Mobilisieren von Bauland ist ausbaufähig. Als Präsident des Bundesverbandes der Ziegelindustrie werde ich nicht müde zu sagen, wir stehen bereit, noch mehr Menschen 2021 ein Zuhause zu geben. Denn was gibt es Schöneres, als in einem Ziegelhaus zu leben?

Bundesverband der Deutschen Ziegelindustrie

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