Ziegel neu gedacht – IAB-TAGE »BAUSTOFFE« 2026 in Weimar

Dekarbonisierung, Energieeffizienz, thermische Verfahrenstechnik, Betriebsdaten, Lehmbaustoffe und Meta-Ton standen im Mittelpunkt der IAB-TAGE »BAUSTOFFE« 2026. Unter dem Leitthema „Ziegel neu gedacht – Materialien. Prozesse. Zukunft.“ diskutierten Vertreterinnen und Vertreter aus Industrie, Forschung und Praxis am 05. März 2026 am IAB Weimar aktuelle Wege zu einer ressourceneffizienten und zukunftsfähigen Ziegelproduktion.

Die Ziegelindustrie steht vor der Aufgabe, bewährte Produkteigenschaften mit deutlich reduzierten Emissionen, effizienteren Prozessen und einem verantwortungsvollen Umgang mit Rohstoffen zu verbinden. Genau an dieser Schnittstelle setzten die IAB-TAGE »BAUSTOFFE« 2026 des Instituts für Angewandte Bauforschung Weimar gGmbH an. Das Fachforum griff zentrale Zukunftsfragen der Branche auf: Wie kann die Ziegelproduktion schrittweise dekarbonisiert werden? Welche Rolle spielen alternative Energieträger, Wasserstoff, Elektrifizierung und Wärmerückgewinnung? Wie lassen sich bestehende Anlagen effizienter betreiben? Und welche neuen Materialansätze ergeben sich aus Lehm, Recyclingrohstoffen und thermisch aktivierten Tonen?

Den Auftakt bildete der Impulsvortrag von Dr. Stefan Vogt, Wienerberger AG, zum Weg in Richtung CO2-freier Ziegelproduktion. Er zeigte, dass Dekarbonisierung nicht auf eine Einzelmaßnahme reduziert werden kann. Vielmehr entsteht der Transformationspfad aus dem Zusammenspiel von Rohstoffauswahl, Produktgestaltung, Energieversorgung, Ofentechnologie und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen. Neben baustoffbedingten CO2-Emissionen wurden auch Material-effizienz, Dematerialisierung und alternative Energieträger eingeordnet. Deutlich wurde: Technische Lösungen sind vorhanden, ihre Umsetzung hängt jedoch stark von Standortbedingungen, Investitionsaufwand, Energiepreisen und Förderkulissen ab.

Im Anschluss stellte Dr. Matthias Händel, IAB Weimar gGmbH, die thermische Verfahrenstechnik am IAB vor. Anhand verschiedener Versuchsanlagen wurde gezeigt, wie Labor- und Technikumsuntersuchungen industrielle Brennprozesse besser verständlich und optimierbar machen. Vorgestellt wurden unter anderem Anlagen für Erdgas-, Wasserstoff- und Mischgasbetrieb sowie für Schutzgas-, Vakuum- und Kalzinationsprozesse. Untersuchungen zum Brand keramischer Produkte mit Erdgas und Wasserstoff verdeutlichten, dass Wasserstoffbrände bei geeigneter Prozessführung technisch beherrschbar sind, zugleich aber Fragen wie Farbwirkung, NOx-Bildung, Verbrennungsluftbedarf und Abgaszusammensetzung differenziert bewertet werden müssen.

Einen praxisnahen Blick auf die Anlagentechnik gab Holger Rottmann, LINGL SOLEAD GmbH, mit seinem Beitrag zu Maßnahmen auf dem Weg zu einer CO2-neutralen Ziegelproduktion. Im Mittelpunkt standen Ansätze, die auch in bestehenden Anlagen wirksam werden können: die Reduzierung von Rauchgasverlusten, die Vermeidung von Falschlufteintrag, eine verbesserte Wärmeübertragung, Ofenabdichtung, Abgaswärmenutzung sowie angepasste Brenner- und Regelungstechnik. Der Vortrag machte deutlich, dass bereits durch konsequente energetische Optimierung vorhandener Prozesse erhebliche Einsparpotenziale erschlossen werden können.

Mit dem Beitrag „Betriebsdaten als Schlüssel zur Effizienz“ richtete Richard Lemke, August Lücking GmbH & Co. KG, den Blick auf datenbasierte Prozessoptimierung. Betriebsdaten sind in vielen Werken vorhanden, werden jedoch noch nicht immer systematisch genutzt. Ihre strukturierte Auswertung kann helfen, Zusammenhänge zwischen Rohstoff, Trocknung, Ofenführung, Energieverbrauch und Produktqualität sichtbar zu machen, Schwankungen zu erkennen und Optimierungsmaßnahmen gezielter abzuleiten.

Dass die Zukunft mineralischer Baustoffe nicht allein im klassischen gebrannten Ziegel liegt, zeigte der Vortrag „ERDE – Tragende Lösungen gesucht!“ von Michael Kockelmann, DAS LEHMWERK, und Katja Stanelle, IAB Weimar gGmbH. Lehm wurde als regional verfügbarer, kreislauffähiger und energiearmer Baustoff vorgestellt, dessen Potenzial durch Forschung, Normung und Produktentwicklung zunehmend erschlossen wird. Beispiele wie Hanf-Lehm-Steine, Lehmplatten, Lehmsteine mit Recyclingkörnung, tragendes Lehmsteinmauerwerk und Stampflehm machten deutlich, dass Lehmbaustoffe weit mehr sind als Nischenprodukte.

Den Abschluss der Vortragsreihe bildete Marc Hohmann, IAB Weimar gGmbH, mit der Meta-Tonentwicklung im Tunnelofen. Meta-Ton wurde als thermisch aktivierter Tonrohstoff und potenzieller Hauptbestandteil in Bindemittelsystemen für Zement, Kalk und Geopolymere vorgestellt. Im Fokus standen Rohstoffauswahl, Masseversatz, thermische Aktivierung, Mineralphasenentwicklung und Reaktivitätsbewertung. Der Beitrag zeigte neue Wertschöpfungsperspektiven für keramische Rohstoffe, Nebenströme und alternative Bindemittel.

Abgerundet wurde die Tagung durch die Besichtigung der IAB-Labore und des IAB-Recycling-Technikums. Die Teilnehmenden erhielten Einblicke in aktuelle Forschungsarbeiten und in die Möglichkeiten, keramische und mineralische Baustoffprozesse vom Labor bis in den kleintechnischen Maßstab zu untersuchen.

Die IAB-TAGE »BAUSTOFFE« 2026 machten deutlich: Die Transformation der Ziegelindustrie ist kein einzelner Technologiesprung, sondern ein Bündel aufeinander abgestimmter Maßnahmen. Dekarbonisierung, Energieeffizienz, neue Ofen- und Trocknungskonzepte, Wasserstoff- und Elektroprozesse, Betriebsdatennutzung, Lehmbaustoffe, Recycling und Meta-Ton greifen ineinander und eröffnen gemeinsam neue Wege für eine zukunftsfähige Baustoffproduktion.

Ausblick: Die nächste Veranstaltung der Reihe findet am 8. Oktober 2026 am IAB – Institut für Angewandte Bauforschung Weimar gGmbH, Über der Nonnenwiese 1, Weimar, statt. Unter dem Titel „Lehm neu gedacht – Material. Prozesse. Zukunft.“ stehen aktuelle Entwicklungen, innovative Ansätze und konkrete Lösungen für den Einsatz von Lehm als nachhaltigem Baustoff im Mittelpunkt. Beiträge aus Industrie und Forschung verbinden Wissenschaft und Praxis; ein praxisorientierter Workshop macht den Baustoff Lehm unmittelbar erlebbar. Das Programm erscheint demnächst online, Anmeldungen sind ab Mitte Juni möglich.

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