Stephan Schmidt, geschäftsführender Gesellschafter der Stephan Schmidt KG im Gespräch

„Liefersicherheit und Qualität ist unser wichtigster Anspruch“

Die Stephan Schmidt KG feiert heuer 75-jähriges Gründungsjubiläum. Kurz nach den offiziellen Feierlichkeiten in Dornburg in Hessen sprachen wir mit dem geschäftsführenden Gesellschafter des Familienunternehmens, Stephan Schmidt, über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des Tonspezialisten. Wie es dazu kam, dass der gleichnamige Großvater in den Ton ging, warum der Ausfall der ukrainischen Tonexporte für den deutschen Tonhersteller weniger Segen als Fluch ist und welchen Beitrag das Unternehmen dabei leisten kann, die Ziegelindustrie auf dem Weg zur Klimaneutralität zu begleiten und zu unterstützen, lesen Sie in diesem Interview.

Was trieb Ihren Großvater 1947 an, in den Tonabbau einzusteigen? Wer waren die ersten Kunden?

Das hat mit dem Ort, der Zeit und der Familie zu tun. Die Familie stammt aus dem Westerwald, dort sind Basalt und Ton weit verbreitet. Schon mein Urgroßvater war als Betriebsleiter im Basaltabbau tätig. Mein Großvater fing deshalb 1946, als er nach der Rückkehr aus russischer Kriegsgefangenschaft Arbeit suchte, ebenfalls im Basalt an. Nach einem Jahr bot sich ihm die Gelegenheit, für ein anderes Unternehmen als Lohnunternehmer Ton im Untertagebau abzubauen. Einige Jahre später hat er die Abbaukonzession übernommen und sich selbstständig gemacht.

Zu den ersten Kunden gehörten Feuerfestunternehmen, für die mein Großvater noch Schamotte aus Ton gebrannt hat. Ein wichtiger Meilenstein für die Unternehmensentwicklung war, als der damals größte Hersteller von Fliesen in Mittelhessen, die Firma Gail aus Gießen, Kunde wurde. Nicht nur als Abnehmer, sondern vor allem wegen der hohen Ansprüche an Qualität und Stabilität unserer Rohstoffmischungen. Wir haben dadurch viel für unsere technische Entwicklung gelernt.

Diese Form der symbiotischen Beziehung mit einem Abnehmer war für uns in den Anfangsjahren normal. Wir waren ja auch das jüngste Tonunternehmen am Markt. Einen direkten Marktzugang zu etablieren, war schwierig. Deshalb haben wir unsere Rohstoffe, wie damals üblich, an andere Ton- und Bergbauunternehmer, die dann selbst den Endvertrieb besorgt haben, verkauft. Einen eigenen Marktzugang mit Netzwerk und Kundenstamm hat erst mein Vater Günther Schmidt aufgebaut. Auch nach Frankreich und Italien hat er Verbindungen geknüpft. Der Vertrieb war eine One-Man-Show.

Wann kam die Ziegelindustrie als Kunde dazu?

In die Ziegelzulieferung sind wir erst Anfang der 1990er nach der Übernahme der TGA (Tongrube Anton) richtig eingestiegen. Der selbstständige Tonabbau lieferte damals eigentlich nur weiße Tone für Sanitär- und Fliesenherstellung. Ziegelhersteller haben meist den Lehm hinter der eigenen ­Fabrik genutzt. Das begann sich aufgrund steigender Anforderungen an baukeramische Produkte, beispielsweise an die Formhaltigkeit und den Wärmedurchgangskoeffizienten von Hintermauerziegeln, zu ändern. Für entsprechende Materialanpassungen begannen die Ziegelhersteller, Fremdrohstoffe in die Tonmischungen zu integrieren. So entstand der Markt für Westerwälder Spezialtone als Standardkomponente für die Ziegelherstellung. Dank der 200.000 Tonnen rotbrennender Tone, die bei TGA auf Halde lagen, waren wir zum richtigen Zeitpunkt lieferfähig. Die technische Entwicklung in diesem Bereich setzt sich bis heute fort. Für moderne großformatige Dachziegel zum Beispiel braucht es eine Mischung aus verschiedenen Tonen und Zuschlagstoffen. Standardisierter Ton aus dem Westerwald gehört immer dazu.

Was war der Motor hinter der Expansion der Stephan Schmidt KG?

Diese Leistung möchte ich zunächst der unternehmerischen Weitsicht und dem Mut meines Vaters zuschreiben. Er hat immer gesagt: Wer die Rohstoffe hat, hat auch den Markt. Also der Erfolg in unserer Branche hängt davon ab, sich für die Zukunft Rohstoffvorkommen, Abbaurechte und Grundstücke zu sichern. Lagerstättensicherheit hatte für meinen Vater Priorität, deshalb hat er Gewinne immer in neue Rohstoffvorkommen und Aufbereitungsanlagen investiert. So konnte er für das Unternehmen auch neue Märkte erschließen. Er hat sich auch nicht gescheut, in hohe langfristige Vorleistungen zu gehen. Beispielsweise hat er damals gesehen, dass in Mahltonen großes Marktpotenzial steckt. Das große unternehmerische Risiko, das er mit dem Bau von zwei großen Mahlwerken innerhalb weniger Jahre einging, hat sich ausgezahlt. Heute stellen wir jährlich zwischen 120.000 und 150.000 Tonnen Mahltone, Granulate und Pellets her.

Entscheidend für die Unternehmensentwicklung ist aber auch der familiäre Zusammenhalt in Kombination mit klaren Strukturen. Viele frühere Marktteilnehmer sind leider ausgeschieden, weil innerfamiliäre Auseinandersetzungen den Geschäftsverlauf bis zur Marktaufgabe beeinträchtigten. Deshalb ist das Einvernehmen und die gute Zusammenarbeit zwischen meinen beiden älteren Schwestern und mir ein echtes Zukunftsmodell. Wir drei ticken ähnlich wie unser Vater und denken langfristig. Was wir heute tun, muss immer Grundstein für die nächste Generation sein.

Dieser langfristigen Perspektive ist auch unser Engagement in Forschung und Entwicklung geschuldet. Unser Ziel ist es, die Ressourcen zu schonen und möglichst in die Länge zu strecken. Deshalb blicken wir auch über den Tellerrand. Zwar sind wir traditionell eng mit der Keramikherstellung verbunden, aber wir sind primär ein Rohstoffunternehmen. Rund ein Drittel des aktuellen Umsatzes erzeugen wir bereits außerhalb des Keramikbereichs mit Advanced Clay Minerals, wie Spezialtone, Pellets und Granulate für verschiedenste Anwendungen im Baubereich. Unser Ziel ist ein Umsatzverhältnis von 50:50 bei beiden Business Units, ohne dabei unseren Hauptmarkt der Keramik zu vernachlässigen.

Die Ukraine war bis zu Kriegsbeginn einer der wichtigsten Tonproduzenten und -exporteure. Welche Auswirkungen hat der Krieg auf den Sektor und Ihr Unternehmen?

Am unmittelbarsten spüren wir den Krieg bei den Energiekosten. Die machen sich bei sehr energieintensiven Verfahren, bei der Herstellung von Mahlprodukten und farbigen Engoben, deutlich bemerkbar. Dasselbe gilt für Verfahren mit einem hohen Wärmebedarf, wie die Entfernung von Grubenfeuchte aus den Tonen und die Trocknung von Pellets, Granulaten und Pulvern. Wir haben einen relativ hohen Gasverbrauch. Gestiegene Energie- und vor allem Dieselpreise machen sich auch bei den Förderkosten für den Betrieb eigener oder gemieteter Baumaschinen für Abraumbeseitigung und Zwischentransporte bemerkbar. Ein indirekter Effekt ist, dass insbesondere internationale Transporte zum Kunden wahnsinnig teuer geworden sind. Eine andere indirekte Folge ist, dass unsere Kunden, wenn sie aufgrund der Gaskosten die Produktion einstellen müssen, keinen Ton mehr brauchen. Das hält sich zum Glück noch in Grenzen.

Weitestgehend gelingt es uns noch, die Kostenanstiege auf die Produktpreise umzulegen. Vor dem Hintergrund des internationalen Wettbewerbs ist das aber keine Lösung für alle Fälle. So wäre die im Frühherbst noch diskutierte Gasumlage für uns mit Mehrkosten im sechsstelligen Bereich nicht mehr tragbar gewesen. Aber auch so ist die Lage angespannt. Einige Keramikhersteller, auch Kunden von uns, mussten den Betrieb bereits vorübergehend einstellen. Auch wenn viele sich wieder berappeln werden, bin ich der festen Überzeugung, dass wir erst am Anfang stehen. Der Winter kommt erst noch, die Energiepreise werden hoch bleiben. Die abflachende Baukonjunktur wirkt sich auch auf die Nachfrage nach Ton aus. Auf jeden Fall wird eine Verlangsamung am Markt eintreten. Während die Geschäftsaktivitäten in diesem Jahr noch weitgehend stabil waren, erwarten wir im kommenden Jahr relative Rückgänge. Einen dramatischen Einbruch sehen wir jedoch nicht, weil der große Teil unseres Geschäfts im Export liegt. Ich habe eine gewisse Hoffnung, dass wir stabil durch die Krise kommen, aber es wird eine Herausforderung für uns wie für die gesamte Wirtschaft werden.

Aber ist mit dem Ausfall ukrainischer Lieferungen nicht mehr Nachfrage nach Ihren Tonprodukten entstanden?

Die Ukraine war ein knallharter Konkurrent in Italien, unserem wichtigsten Absatzmarkt. Rund ein Drittel unserer jährlichen Produktion, 500.000 Tonnen, exportieren wir dorthin. Die gesamte deutsche Tonbranche liefert eine Million Tonnen. Aus der Ukraine kamen jährlich zwei Millionen Tonnen Ton. Deren Wegfall hat eine gewaltige Lücke gerissen, die wir trotz einer gemeinsamen deutsch-italienischen Absichtserklärung nicht schließen können. Es fehlen schlicht die Kapazitäten dafür.

Ich wäre froh, wenn die ukrainischen Tongruben an den Markt zurückkehrten. Das würde kein Risiko, sondern die Rückkehr zur Normalität bedeuten, was uns allen guttäte. Denn trotz Konkurrenz bestand früher ein stabiles Marktgleichgewicht. Ohne ukrainischen Ton wird in Italien der Fliesenmarkt schrumpfen. Im Umkehrschluss werden mehr Fliesen aus China und Indien kommen. Das kann hierzulande und in Italien niemandem gefallen.

Angesichts des angespannten Arbeitsmarktes: Können Sie Ihren Arbeitskräftebedarf decken? Ist Nachwuchsarbeit bei Ihnen ein Thema?

Da müssen wir zwischen Fach- und ­Arbeitskräften differenzieren. Die ­Stephan-SchmidtGruppe war bislang erfolgreich in der Besetzung hochqualifizierter Stellen mit Keramikingenieuren, Mineralogen, Geologen und Bergbauingenieuren. Wir pflegen traditionell gute Kontakte zu den Hochschulen. In diesen Kreisen haben wir auch ein gutes Image als innovatives Familienunternehmen. Schwieriger wird es, den Bedarf an Arbeitskräften zu decken. Da merken wir den demographischen Wandel. Um das verfügbare Personal wird die Konkurrenz immer härter. Außerdem ist die Arbeit in der Tongrube ja auf den ersten Blick auch nicht sonderlich attraktiv: Schichtdienst und Arbeiten im Freien, egal ob im Winter oder Sommer. Zwar ist die Förderung schon weitgehend automatisiert. Auf absehbare Zeit wird es aber ohne Menschen nicht gehen. Die vollautomatisierte Gewinnung im Tagebau ist noch Jahrzehnte von uns entfernt.

Nachwuchs ist deshalb ein Thema bei uns. Wir versuchen über verschiedene Anreize und gute Arbeitsbedingungen neues Personal für unser Unternehmen zu begeistern. Unseren Standort im ländlichen Raum sehe ich dabei eher als Vorteil. Menschen mit landwirtschaftlichem Hintergrund bringen meist Erfahrungen mit Traktoren und eine Affinität zu großen Maschinen mit. Sie sind hart im Nehmen und vertraut mit körperlicher Arbeit im Freien. Da gibt es schon ein gewisses Nachwuchspotenzial für uns, aber wie groß das in Zukunft sein wird, weiß man nie.

Wie wird sich das Unternehmen in Zukunft aufstellen?

Unter anderem werden wir uns
auf ein weltweites ­Allein­stellungsmerkmal der Westerwälder Tone konzentrieren. In unseren 20 Tagebauen unterscheiden wir 400 Einzeltone. Aufgrund unseres Knowhows aus 75 Jahren können wir die Tone hochselektiv einzeln abbauen und entsprechend ihrer Eigenschaften zu Mischungen verarbeiten. Das kann man sich wie Kuchenbacken vorstellen. Das versetzt uns in die einzigartige Lage, Kunden eine individuelle, auf deren Produktionsbedürfnisse und ‑parameter angepasste Mischung zusammenzustellen. Gerade in den letzten Jahren, unter der Mitarbeit von Prof. Ralf Diedel, konnten wir deutliche Fortschritte verzeichnen. Heute untersuchen wir pro Tonsorte zwischen 70 und 80 Merkmale. Allerdings gibt es im keramischen Bereich noch großen Forschungsbedarf, beispielsweise bei den Verflüssigungseigenschaften, die für die Sanitärherstellung und andere flüssige Prozesse relevant sind. Dasselbe trifft auch auf große Bereiche außerhalb der Keramik zu.

Angesichts nationaler und internationaler Ziele zur CO2-Reduktion, wie sieht die Zukunft der Tongewinnung und -verwendung bei Stephan Schmidt aus?

Die Zukunft der Tonproduktion ist bei uns zweigeteilt. Wie erwähnt, wollen wir den Bereich Advanced Clay Minerals stark ausbauen. Dagegen liegt unser Fokus im Bereich der klassischen Keramik eher auf Produktoptimierung in Zusammenarbeit mit unseren Kunden. Im Fall der Ziegelindustrie sehen wir unsere Rolle darin, die Branche bei der Umsetzung der ­Roadmap zur ­Klimaneutralität zu ­unterstützen. Beispielsweise liefern wir mit unseren hochwertigen Rohstoffen Funktionskomponenten, die Rohstoffmischungen mit höheren Anteilen an Recyclingmaterial erlauben. Wir sehen uns also als einen Teil der Lösung hin zur Klimaneutralität. Auch verschiedene Aufbereitungsformen, wie Mahlton, werden zu unseren Zukunftsthemen zählen. Dabei profitieren wir sehr davon, dass unsere Tone im Gegensatz zu vielen anderen Ziegeltonen fast organik- und kalkfrei sind. Beim Ofenbrand entweicht aus dem Ton kein CO2. Das ist ein Riesenvorteil.

Darüber hinaus beschäftigen wir uns intensiv mit dem Einsatz erneuerbarer Energien. Das betrifft zunächst die Installation von Anlagen zur Nutzung von Solarstrom. Beispielsweise installieren wir gerade in unserer größten Grube in Meudt eine größere Photovoltaikanlage, um ein Förderband von 850 Metern Länge zu betreiben. Wo es sinnvoll ist, werden wir das auch an anderen Standorten ­umsetzen. Anlässlich des Jubiläums haben wir in diesem Jahr auch unseren ersten Nachhaltigkeitsbericht veröffentlicht, indem wir unsere Bemühungen in den verschiedenen Bereichen offenlegen.

Ein anderes Projekt umfasst die eigene Produktion von grünem Wasserstoff mit grünem Strom. Im ersten Schritt wollen wir 20 Prozent Erdgas in einer unserer Aufbereitungsanlagen mit Wasserstoff substituieren. Bewährt sich das Verfahren, können wir dank modularer Bauweise die Wasserstoffproduktion sehr schnell ausbauen und so große Menge fossiler Brennstoffe einsparen. Das Fernziel ist, unseren Kunden klimaneutral hergestellte Rohstoffe anbieten zu können. Das ist vorerst noch bilanziell zu sehen. Bis wir völlig auf den Einsatz von Erdgas verzichten können, ist es noch ein langer Weg.

Lieber Herr Schmidt, ich bedanke mich für das Gespräch!

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