Victor Kapr

Rückblick auf das IZF-Seminar 2025

Wege zur „klimaneutralen Ziegelproduktion“ wies das Seminar des Instituts für Ziegelforschung Essen e. V. (IZF) am 9. und 10. September 2025. Wie in den vergangenen Jahren fand das zweitägige Vortragsprogramm im Vortragssaal des Essener Hofes in Essen statt. Rund 50 Ziegler und Keramiker verfolgten die Vorträge. Fünf Gastredner waren eingeladen: Timo Vicktorius (QSM Qualitätssicherung und Materialprüfung GmbH), Ralf Wagner (Materialforschungs- und -prüfanstalt Weimar), Jannis Hassler (Forschungsinstitut für Glas | Keramik – FGK Höhr-Grenzhausen), Nisrein Mukattash (RWTH Aachen) und Baojun Yuan (RPTU Kaiserslautern). Institutsleiter Dr.-Ing. Rigo Giese und sein Stellvertreter Dipl.-Ing Eckhard Rimpel führten durch das Programm.

 

Erster Tag – Regeln, Recycling und CO2-neutrale Prozesswärme

Die Förderlandschaft im Wandel sowie daraus resultierende Aktuelle Programme und Entwicklungen stellte Marius Rimpel im ersten Vortrag vor. Ein zentrales Instrument für u.a. KMUs zur Förderung von Klimaneutralität und Wettbewerbsfähigkeit ist die Bundesförderung für Energie- und Ressourceneffizienz in der Wirtschaft. Dies sei eine für Ziegelhersteller relevante Förderung für Transformationsschritte wie Brennstoffwechsel und die Entwicklung von Energie- und Umweltmanagementsystemen. So könne die Prozessoptimierung eines Tunnelofens mit einer CO2-Ausstoßminderung von rund 250 Tonnen pro Jahr mit maximal rund 546.000 Euro gefördert werden. Darüber hinaus erörterte Rimpel die 2024 aufgesetzten Klimaschutzverträge sowie die aus der 2025 in Kraft getretenen Novelle folgenden Änderungen vor. Schließlich stellte er die Bundesförderung Industrie und Klimaschutz vor, die den industriellen Mittelstand bei der Dekarbonisierung, besonders Elektrifizierung, Wasserstoffnutzung und CO2-Abscheidung unterstützen soll.

Diesen Ausführungen zur Förderung schloss Rimpel in einem zweiten Vortrag eine Erläuterung der neuen Pflichten auf dem Weg zur Klimaneutralität, die sich aus Vorgaben zur EPD (Umweltproduktdeklaration) und aus ISO 14001 ergeben. Umweltproduktdeklarationen sind standardisierte, verifizierte Umweltinformationen, die auf Grundlage einer Lebenszyklusanalyse die Umweltwirkungen über den gesamten Produktlebenszyklus zeigen. Sie berücksichtigen vier Umweltindikatoren: CO2, Energie, Wasser und Abfall. EPDs stellen noch keine gesetzliche Anforderung dar, werden aber marktseitig angefordert. Ab 2027 werden EPDs Pflicht für viele Bauprodukte in Ausschreibungen. Zum Abschluss erläuterte Rimpel die praktische Erstellung einer EPD mit Berechnung sowie Veröffentlichung und Zertifizierung. ISO 14001 ist ein international anerkannter Standard für Umweltmanagementsysteme zur systematischen Reduktion von Umweltbelastungen. Deren Kernanforderungen sind u.a. Identifizierung relevanter Umweltaspekte, Festlegung von Zielen und Programmen sowie deren Überprüfung durch regelmäßige Audits. Diese Norm soll normative Grundlage eines internationalen Standards werden, sei bereits in Förderprogrammen Förderbedingung und helfe, Effizienz zu erhöhen, Kosten zu senken und zum systematischen Risikomanagement beizutragen. Für Stichprobenkontrollen sollten folgende Nachweise bereitliegen: Angaben zum Unternehmen, Managementsystem, Gesamtenergiebedarf pro Jahr, identifizierte und vorgeschlagene Maßnahmen. ISO 14001 im Unternehmen einzuführen sei laut Rimpel sinnvoll, weil eine entsprechende Pflicht kommen werde und es noch entsprechende unterstützende Förderprogramme gebe.

Die nachhaltige Nutzung von Recyclingstoffen zur Variation der Materialeigenschaften thematisierte Dipl.-Ing. Sandra Petereit. Ressourceneffizienz ist Bestandteil der in der „Roadmap bis 2050“ der Ziegelindustrie festgehaltenen Ziele und Pfade, der gesetzlichen Vorgaben seitens des Ressourceneffizienzprogramms III von 2020 sowie der Nationalen Kreislaufwirtschaftsstrategie von 2024, der Klimaziele des Europäischen Green Deal nach dem im Juli 2025 zuletzt aktualisierten Europäischen Klimagesetz sowie des im Februar 2025 beschlossenen Maßnahmenpakets Clean Industrial Deal. Laut der 2024 vorgelegten Studie „Ziegel – Roadmap zur Ressourceneffizienz“ setzen deutsche Ziegelhersteller im Rahmen der Möglichkeiten schon viele Sekundär- und Recyclingrohstoffe in der Neuproduktion ein, doch bei der Rückführung genutzter Ziegelmaterialien bestehe noch Verbesserungsbedarf. Derzeit werde ein Technisches Merkblatt „Ziegelrecycling“ als Leitfaden für Ziegelhersteller und Baustoffaufbereiter mit Anforderungen an aufbereitetes Ziegelmaterial und die Annahmekriterien für die Ziegelherstellung entwickelt. Petereit gab Empfehlungen zur Steigerung des Einsatzes von Recyclingmaterial sowie von Sekundärrohstoffen. Beispiele für zukünftig mögliche Sekundärrohstoffe, deren mechanische und chemische Eignung noch überprüft werden müsse, sind Glaspulver und -faser. Verbundwerkstoffe wie glasfaserverstärkter Kunststoff aus rückgebauten Windkraftanlagen haben bereits einen Vorversuch als Porosierungsmittel bestanden. Ein weiteres mögliches Porosierungsmittel sind geschredderte Kaffeekapseln, die auch Ausblühungen reduzieren können. Zum Abschluss wies Petereit auf die Rechtslage hin, ab wann Abfall ein Sekundärrohstoff ist und dessen Nutzung kein Betreiben von Abfallentsorgung darstellt.

Alexander Winkel M. Sc. sprach über die Entwicklung eines Modells zur Bestimmung des Ziegelgehalts von Mauerwerkbruch. Grundlage des Modells ist die Farbe von Mauerwerkbruch. Diese ergibt sich aus der Mischung verschiedener, farbiger Ziegelarten und farbloser Baustoffe, wie ein Versuch mit synthetischen Mauerwerkbruch zeigte. Bestätigung findet das Modell in einer Analyse der chemischen Zusammensetzung des Mauerwerkbruches. Relevant für die Farbe sind für Ziegel charakteristische Stoffe wie Al2O3, Fe2O3, TiO2 und K2O. Farbe und chemische Zusammensetzung erlauben es, auf den Ziegelhalt und ferner die Reaktivität des Mauerwerksbruchs zu schließen. Denn Ziegel sind die einzig reaktive Komponente in Mauerwerksbruch. Auch auf die Porosität von Mauerwerksbruch hat der Ziegelanteil Einfluss.

Nach der Mittagspause diskutierte Winkel den Einfluss carbonatfreier Additive und biogener Porosierungsmittel auf Energiebedarf und CO2-Emission beim Brand. Ausgangspunkt ist der berechnete Energiebedarf zum Erhitzen von 33,9 kg Hintermauerziegel auf 950 Grad Celsius. Diese 28,37 MJ entsprechen einem Gasverbrauch von 0,88 Nm³, Mehrbedarf entsteht durch das Erhitzen von Verbrennungsluft, Zusatzluft, Abgas sowie Wärmeverluste des Ofens. Zwei Ereignisse im Ofen beeinflussen den Energiebedarf: Die Probentemperatur erhöht sich durch Verbrennung der Organik und sinkt bei der anschließenden Zersetzung der Carbonate. Bei beiden Prozessen wird CO2 freigesetzt, durch die unvollständige Verbrennung der Organik bilden sich CO und Schwelgase, die thermisch nachverbrannt werden müssen. Eine Beimischung von 30 Prozent Basaltmehl verringert CO2-Emissionen und Zersetzungsenergie der Carbonate um 30 Prozent. Der Brennwert von Kohlenwasserstoffen steigt mit dem Kohlen- und Wasserstoffanteil. Das Ausgangsmaterial von Pflanzenkohle hat einen Einfluss auf den Verbrennungsablauf.

Über Regenerative Energie – Erzeugung und Verfügbarkeit sprach Dr.-Ing. Rigo Giese. Konkret überprüfte er die Rolle von Wasserstoff bei der Energie- bzw. Industriewärmewende mit Fokus auf Bedarfe und Verfügbarkeiten. Der Wasserbedarf für die Elektrolyse von 1 kg H2 liegt laut der Studie „Gesamtwasserbedarf für die Elektrolyse“ des DVGW Deutscher Verein des Gas- und Wasserfaches e.V. bei 930 – 2.460 kg. Der Prozess benötigt 12 – 13 kg, die Kühlung den Rest. Aus dem Wasserstoffbedarf der deutschen Ziegelindustrie bei 100 % H2-Betrieb von rund 162.000 t/a folgt demnach ein Wasserbedarf von 515.000.000 t/a bzw. rund 0,5 Mrd. m³/a. Die in Deutschland installierte Elektrolyseleistung liegt bei 0,16 GW, der prognostizierte Bedarf bis 2050 bei 70 GW. Aktuelle inländische Projektbeispiele zur H2-Erzeugung wie RWE – Get H2 Nukleus und EWE Clean Hydrogen Coastline liegen im Bereich von mehreren 100 MV. Die Hoffnung ruht auch auf zukünftigen Wasserstoffquellen im Ausland und Importen. Weitere Herausforderungen bestehen in der Versorgung. Die meisten Ziegeleistandorte liegen nicht am geplanten Wasserstoffkernnetz. In allen berechneten Varianten liegt der Preis für Wasserstoff über dem prognostizierten Erdgaspreis. Die Schlussfolgerung daraus lautet, dass die direkte Nutzung von Strom aus erneuerbaren Energiequellen, sofern die Prozesswärme entsprechend umgestellt werden kann, effizienter ist. Denn der Wirkungsgrad direkter Elektrifizierung liegt bei 98 Prozent, von grünem Wasserstoff bei 70 Prozent. Bei EE-Strom sind Verfügbarkeit und Preisentwicklung noch nicht gesichert. Für die H2-Versorgung sind dezentrale Lösungen, für Strom- und Gastransport der Speicher- und Netzausbau erforderlich. Die unklare Markt- und politische Lage erschweren Investitionsentscheidung.

Zum Einfluss erneuerbarer Gase auf die Produktqualität von Ziegeln – Ammoniak und Wasserstoff im Vergleich referierte Erdem Kanbak B. Sc, unter Bezugnahme auf die IZF-Projekte H2-Ziegel und NH3-Ziegel. Im Projekt H2-Ziegel lagen die Arbeitsschwerpunkte auf Brennermodifikation/-auslegung, Brenneruntersuchungen, Produkteigenschaften, Tunnelofenumbau und Großversuch. Untersucht wurden Zumischungen von Wasserstoff zum Erdgas zwischen 0 – 60 Prozent. Der Einsatz von H2 ist im Tunnelofen technisch möglich, Auswirkungen der Brenngasänderung im Ofen sind ein höherer Wasseranteil in der Ofenatmosphäre, vermehrte Wärmeübertragung durch Strahlung, Ausbrandverhalten von Porosierungsmitteln und veränderte Flammenlänge und -form. Auswirkungen auf Farbe und Festigkeit des Produkts waren feststellbar. Für Kanbaks Ausführungen zum Projekt NH3-Ziegel sehen Sie bitte den Fachbeitrag in ZI 5/25, S. 6ff.

Jannis Hassler diskutierte Eigenschaftsänderung einer Schamottemasse während des Brandes beim Einsatz von Wasserstoff als Energieträger. Grundlage dafür sind Ergebnisse im dritten Entwicklungsstrang des H2TO-Projektes (vgl. ZI 1/23 S. 42f.): Werkstoff- und Rezeptentwicklung, in dem die Wechselwirkung einer wasserdampfhaltigen Atmosphäre bei der Versinterung keramischer Schamotte und die passgenaue Entwicklung von Schamotterezepturen für den Wasserstoffbrand im Mittelpunkt standen. Das FGK war im Projektrahmen in die Entwicklung des Gefüges und der Rezeptur eingebunden. Engels ging zunächst auf die grundlegenden chemischen, mineralogischen und thermischen Charakteristika des Schamotte-Materials ein und stellte dann Ergebnisse aus der Untersuchung von vier verschiedene Schamottemassen im keramischen Brand vor: (1) Sinterstudie: Phasenentwicklung im Erdgasbrand mit Quenching-Versuchen und STA/DTA, (2) Vergleichende Brände Erdgas/Wasserstoff im Ofen des IZF bis 1150 Grad Celsius mit Gefüge-Untersuchungen und Phasenentwicklung, (3) Ausweitungen der Ofenuntersuchung im IZF mit Fokus auf Schwindung, Durchbiegung, Wasseraufnahme, Biegefestigkeit, Phasenentwicklung. Das Fazit lautet, dass der Wasserstoffbrand Potenzial zur Brenntemperatursenkung bei Erhalt der Eigenschaften der Schamotte bietet.

Den Einfluss von Ofenatmosphäre auf das Feuerfestmaterial diskutierte Dipl.-Ing. Eckhard Rimpel. Verschiedene Schadensbilder in Hängedecken im Ofen lassen sich in chemischer Analyse auf Schwefeltrioxid, Kaliumoxid und Chlor im Ton- bzw. Schamottematerial als Verursacher zurückführen. Bei hohen Alkaligehalten können geänderte Materialmischungen mit geringerem korrosivem Verschleiß eingesetzt werden. Für gelbe Ablagerungen an Ofenwänden und Decken ist laut Rimpel Kalium bzw. Kaliumoxid die Ursache. Abplatzungen am Ofenwagenaufbau gehen auf Einlagerungen von Alkalien bzw. Alkalibursting zurück. Während der Verbrennung als Rauchgasrückstände entstehende Alkaliverbindungen diffundieren in die Poren des Feuerfestmaterials und kondensieren im Temperaturbereich von 650 bis 750 Grad Celsius aus der Gas- in die Feststoffphase. Die mit dem sich dabei bildenden Mineral Leucit erfolgende Volumenvergrößerung führt zu Spannungen und Rissen, in die wieder Alkaliverbindungen diffundieren. Der Vorgang wiederholt sich nach jedem Temperaturwechsel, bis das gesamte Material parallel zur Oberfläche abplatzt. Schließlich berichtet Rimpel von Untersuchungen weißer Ablagerungen an RSV (Regenerative Nachverbrennung)-Wabenkörpern und Ofendecken. Dabei handelt es sich um Siliziumdioxid bzw. Kieselsäure.

Dr.-Ing. Denny Mathew Alex stellte im letzten Vortrag des ersten Tages Hybrid-Herdwagenofen: Betrieb mit Gas und Strom den ersten Teil des laufenden Projektes eLITHE, den Umbau, sowie die Ergebnisse vor. Die Projektziele umfassen: Feststellung der Anforderungen an einen hybriden Tunnelofen, Entwicklung des Brenners, Neukonzeption der Pilotanlage am IZF sowie dessen Inbetriebnahme für Versuche mit Erdgas, Wasserstoff und elektrischer Beheizung. Alex beschrieb die Herdwagenofen-Pilotanlage im IZF und ging besonders auf die Regelungs- und Messoptionen (Ofenatmosphäre, Verbrennungsluft, Umwälzluft, Einsaugung Abgaskühlung, Rauchgas) und den Unterschied zwischen dem alten und aktuellen Stand ein: die Umrüstung der Heizelemente, der Einbau der Umwälzsysteme und von verschiedenen Sensoren, ein Referenzversuch sowie die Nachrüstung mit elektrischen Heizelementen. Im nächsten Schritt, kündigte Alex an, werde der Hybrid-Betrieb aufgenommen.

Im Anschluss an die Vorträge lud Rigo Giese wie auch in den vergangenen Jahren zu einem gemütlichen Beisammensein mit Buffet und Führungen auf das Gelände des IZF in Essen-Kray ein.

 

Zweiter Tag – Qualitätssicherung, Elektrifizierung thermischer Prozesse und Ziegel als Baustoff

Im ersten Vortrag des zweiten Tages stellte PÜZ-Stellenleiter M. Sc. Timo Vicktorius die Frage Ist Eigenüberwachung wichtig? und diskutierte zur Beantwortung die Ergebnisse der Fremdüberwachung im Vergleich. Dabei wies er auf methodische Fallstricke hin. Wird zum Beispiel vergessen, die Fläche der Mulde im Ziegel herauszurechnen, kommt es zu einem deutlich unterbestimmten Wert der Druckfestigkeit. Bei der Bestimmung des Lochanteils müssen methodische Unterschiede zwischen Sandfüllung (ignoriert Lücken bei Nut/Feder und Putzrillen) und Unterwasserwägung (erfasst alle Lücken, Rillen und Poren) beachtet werden. Bei der Bestimmung der Stegdicken können Drachenzähne das Ergebnis verfälschen. Auch auf die Messregeln bei Pflasterziegel und -klinker sowie Dachziegel und Riemchen ging Vicktorius ein und erläuterte sie mit Prüfungsbeispielen. Ebenso erläuterte er die Anforderungen an Tauch-, Kontakt-, Saug- und Frostprüfung von Lehmsteinen. Abschließend berichtete er von den aktuell stattfindenden und anstehenden Acquis-Prozessen, die nationale Anforderungsnormen für Bauprodukte in eine harmonisierte europäische Norm überführen sollen.

Über die Elektrifizierung in der Ziegelindustrie mit Mikrowellentechnologie sprach Dr. Ralf Wagner (MFPA). Den Vorteilen (Volumetrische Erwärmung, Energieeintrag zeitlich leicht steuerbar, schnelle Produkterwärmung mit höherer Trocknungsgeschwindigkeiten möglich, berührungslose Energieübertragung, keine Erwärmung des Prozessraumes notwendig, Temperaturgradient von Innen nach Außen) stellte er die Nachteile (hohe Investitionskosten, Umbau der langlebigen, bestehenden Anlagen, Änderung der Prozesse, Sicherheitskonzept notwendig, Entstehen von Hot- und Coldspots) der Elektrifizierung mit Mikrowelle gegenüber. Wagner erläuterte eingehend die Physik des Energieeintrags (vgl. dazu auch ZI 3/22 S. 8ff. und ZI 5/22 S. 14ff.). Trocknung mit Mikrowellen sei besonders gut geeignet für absorbierende, poröse Materialien, da dort Stofftransport (Wasser) gut möglich ist. Für einen optimierten Trocknungsprozess schlägt Wagner einen einlagigen Mikrowellentrockentunnel von 7 Meter Länge direkt nach dem Abschneider (Erwärmung: 50 –100 °C; Energie: ca. 100 kW; Investitionskosten: ca. 400 –500 T€) vor. Das Brennen von Ziegeln mit Mikrowellen ist dagegen noch Gegenstand weiterer Erforschung. Für eine Verfahrensentwicklung werden Kenntnisse benötigt über: 1. Permittivität bei hohen Temperaturen, 2. Temperaturverteilung innerhalb der Probe, 3. Messtechnik zur Steuerung, 4. Analyse der Wechselwirkung von Mikrowellen mit dem Material bei hohen Temperaturen in einer geeigneten Anlage.

Einen anderen Pfad der Elektrifizierung und Gegenstand des Forschungsprojektes ELuZi stellte Marius Rimpel im Vortrag Elektrifizierung anders gestalten – Heißlufterzeuger für den keramischen Brennprozess vor. Das Ausgangsproblem ist die Bereitstellung von klimaneutraler Hochtemperaturindustriewärme ohne Brenngase wie grüner Wasserstoff oder Biogas/-methan. Bei einer rein elektrischen Wärmequelle fehlt die wesentliche Wärmeübertragungskomponente Konvektion. Um den resultierenden ungleichmäßigen Wärmeeintrag zu vermeiden, bietet Bestandstechnologie nur wirtschaftlich und prozesstechnisch aufwändige Umwälzung an. Einen aktiven Impulseintrag können elektrische Prozessgaserhitzer bieten. Verfügbare Prozessgaserhitzer basierend auf keramischen Heizelementen bieten 1.100 Gad Celsius im 4 – 60 kW Bereich. Das Projekt Eluzi zielt auf Entwicklung und Bau eines elektrischen 250-kW-Lufterhitzers, der hocherwärmte Luft bis 1.300 Grad Celsius liefert und statt einer Brennergruppe in einem Tunnelofen bei Jacobi Dachziegel laufen soll. Dies soll die Elektrifizierung und Dekarbonisierung der Ziegelindustrie ohne Verlust der Besatzgeometrie ermöglichen. Der erste Lufterhitzer Prototyp mit 50 kW, entwickelt vom Unternehmen Heatrix, wird derzeit am IZF in einem Versuchsofen untersucht.

Über die Optimierung von Ziegeloberflächen zur Verbesserung des Stadtklimas und der Energieeffizienz von Gebäuden sprach Akash Nagaraj. Ziel ist u.a., die strahlungsphysikalischen Eigenschaften von grobkeramischen Bauteiloberflächen anzupassen, Wärmeinseleffekte zu verringern und den Gebäudeenergiebedarf zu verringern. Wärmeinseln (1 – 7 Grad am Tag, 2 – 5 Grad nachts), entstehen, wenn Bauwerke in städtischen Gebieten die Sonnenwärme absorbieren und emittieren. Zu diesem Effekt tragen die Materialeigenschaften und Dicke von Baumaterialien, die Höhe und Enge der Gebäude sowie Dachneigung bei. Ergebnisse einer parametrischen Studie mit ENVIMET (Software zur Simulation des Mikroklimas) mit u.a. Verblendklinker, Dachziegel, Pflasterklinker und Vormauerziegel zeigen, dass die Lufttemperatur vor allem vom Reflexionsgrad des Baumaterials abhängig ist. Die IR-Reflexion lässt sich durch Strukturen sowie IR-reflektierende Beschichtungen erhöhen.

Über den Feuerwiderstand von Lehmputz informierte Alexander Winkel. Lehmputz ist ein Gemisch aus geringen Mengen Tonmineralen als Bindemittel und einem hohen Anteil an schluffig-sandigen Bestandteilen. Zuschlagsstoffe werden je nach Art der Tonminerale und der Anforderungen (Oberputz, Unterputz) beigemischt, darunter Fasern, Tierhaare oder zerkleinertes, naturbelassenes Holz. Die genaue Zusammensetzung hat einen großen Einfluss auf die brandschutztechnischen Eigenschaften. Anforderungen und Anwendung von Lehmputz sind in DIN 18947 zusammengeführt. Vorteilhafte Eigenschaften von Lehmputz sind u.a.: diffusionsoffen, sorptions- und wärmespeicherfähig, nicht brennbar, schadstofffrei, recycelbar, regional verfügbar. Damit eignet sich der Baustoff für Raumklimaregulierung, Schimmelprävention, Pufferung von Temperaturschwankungen usw. Winkel berichtete von einem experimentellen Vergleich von Lehmputz mit Kalkputz bei je 15 mm Dicke im Brandfall. Lehmputz dehnte sich stärker aus als die Ziegel darunter, diese Druckspannung führte zu Abplatzern im Putz. Kalkputz dagegen zieht sich zusammen und die Zugspannung führt zur Rissbildung. Lehmputzwände bestehen die 90-minütige Brandprüfung.

Einen neuen Ansatz zur Abschätzung der Driftkapazität von Mauerwerksscheiben aus Ziegelmauerwerk unter Berücksichtigung der Gebäudeinteraktion stellte Nisrein Mukattash vor. Erforderlich ist dieser vor dem Hintergrund der Anforderungen an Mauerwerksbauten, dem Ziel einer besseren Ausnutzung der Tragwerksreserven, der Entwicklung praxisorientierter moderner seismischer Bemessungskonzepte, der Berücksichtigung von Trag- und Verformungsfähigkeit sowie der Neuerungen der verformungsbasierten Bemessung mit der baldigen Einführung der 2. Generation des Eurocode 8 mit neuer Driftkapazität der einzelnen Wände und Kapazitätskurve des Gebäudes. Mukattash beschrieb die Entwicklung ausgehend von der 1. Generation der Eurocodes. Allerdings fehlen u.a. ein kontinuierlicher Ansatz wie auch wichtige Parameter. Sie stellte eine neue Schubwanddatenbank sowie ein neues Datenbanktool und einen neuen Ansatz für Driftkapazitäten vor. Damit ergeben sich verlässliche Driftkapazitäten, realistische Standsicherheitsnachweise, mehr Sicherheit und Wirtschaftlichkeit beim Bau und eine Verbesserung der Schubbemessungskonzepte.

Im letzten Vortrag des IZF-Seminars erörterte Baojun Yuan M. Sc. die Grundlagen für die energiebasierte Erdbebenauslegung von Mauerwerksbauten. Gängige normative Bemessungsverfahren für den Erdbebenfall liefern unsichere Ergebnisse und führen zu konservativen und unwirtschaftlichen Auslegungen. U.a. werden dynamische Vorgänge in Mauerwerksbauten nicht ausreichend berücksichtigt. Um dies zu verbessern, sollen die Grundlagen für eine energie- und verformungsbasierte Erdbebenauslegung von Mauerwerksbauten geschaffen werden. Dabei sollen dynamische Effekte bei der Bemessung besser berücksichtigt werden. Yuan beschrieb die Arbeiten an der Universität Kaiserslautern und am IZF und die erreichten Ergebnisse. Das so ermittelte Bemessungsmodell sei im Vergleich mit gegebenen Modellen wirtschaftlicher und praktischer.

Dr.-Ing. Giese dankte den Teilnehmern für ihr Interesse und lud zum abschließenden Mittagessen sowie dem nächsten IZF-Seminar am 29. und 30. September 2026 ein.

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