Mauerwerk

Backsteinbögen für die Bildung

Der Name „Rising Star School“ weckt Hoffnungen – und erfüllt sie bereits während des Bauprozesses: Seit 2016 wächst in Hopley am Stadtrand von Simbabwes Hauptstadt Harare ein besonderer Backstein-Bau: eine Schule, die nicht nur rund 1000 Kindern geregelten Unterrichtbietet, sondern auch zum Herzstück der gesamten Siedlung avanciert. Ein Interview mit Projektleiterin Kristina Egbers, zuerst veröffentlicht von der Initative “Bauen mit Backstein”.

Der sechste und vorletzte Bauabschnitt ist fertiggestellt. Nicht zuletzt das Baumaterial Backstein sorgt dafür, dass die Schule trotz der Low-Tech-Ausstattung der Baustelle wächst und zudem durch gemauerte Rundbögen als Leitmotiv ihre eigene ästhetische Präsenz entfaltet. Der Fortschritt auf der Baustelle ist dem ehrenamtlichen Engagement von „Ingenieure ohne Grenzen“ sowie der engen Verflechtung von importiertem und lokalem Know-how und Kooperationswillen zu verdanken. Projektleiterin Kristina Egbers schaut für uns im Interview mit Architektur-Expertin Christina Gräwe zurück und nach vorne. Als sie sich jüngst vor Ort ein Bild vom gegenwärtigen Bauprozess machte, kam sie gerade pünktlich zur Einweihung eines weiteren Ziegelbaus, der ebenfalls aus ihrer Feder stammt: ein Veranstaltungspavillon in Harare.

Frau Egbers, die „Rising Star School“ wurde von einer privaten Schulinitiativebeauftragt, um in der informellen, durch Zwangsumsiedlung entstandenen Siedlung Hopley einengeregelten Schulunterricht zu ermöglichen. Am Anfang des Projekts steht etwas Ungewöhnliches: Der Entwurf basiert auf Ihrer Diplomarbeit – es ist selten, dass eine Abschlussarbeit tatsächlichrealisiert wird. Wie kam das zustande?

Kristina Egbers (KE): Das ist fast schon zehn Jahre her. Damals habe ich an einem DesignBuild-Projektin Südafrika mitgewirkt. Ein Freund war bereits mit „Ingenieure ohne Grenzen“ mit kleineren Projektenin Harare beschäftigt. Über die Projektpartner kamen sie zu einem Grundschulvorhaben. Er hatmich gefragt, ob ich mit einsteigen möchte, um anstelle völlig unzureichender provisorischer Bauten ein größeres Schulhaus zu bauen. Ich fand das interessant, bin dorthin gefahren, habe das Grundstückund die Kontakte kennengelernt – und beschlossen, daraus meine Diplomarbeit zu machen. Es war also von Anfang an klar, dass der Entwurf auch gebaut werden soll.

Das war vermutlich eine ganz andere Motivation, als ins Blaue hinein zu entwerfen?

KE: Genau, einmal das. Außerdem hatte ich während des Entwerfens immer den Gedanken an die Umsetzung im Kopf, deshalb anders und mehr über konstruktive Details nachgedacht, als ich das vielleicht sonst getan hätte.

Die Arbeit hat Arno Lederer betreut, quasi ein „Ziegelpapst“. Stand die Entscheidung, Backstein zu verwenden, von Anfang an fest?

KE: Nein, das war keine Voraussetzung, die Entscheidung kam erst während des Prozesses. Ich habe mirzunächst die Situation angeschaut. Mich hat interessiert: Welches Material wird hier bereits verwendet, was kann man vor Ort bekommen? Den Ziegel habe ich immer wieder vorgefunden. Ich habe auch über andere Materialien nachgedacht, aber in dem Kontext ist Ziegel das sinnvollste Material.

Was meinen Sie mit sinnvoll?

KE: Gegen Holz beispielsweise sprach, dass die Konstruktion zu aufwendig geworden wäre. Mit den Ziegelbögen konnten wir Spannweiten von sieben Metern überbrücken und vermeiden, dass mitten in den Klassenräumen Stützen stehen. Man darf nicht vergessen: Es ist alles von Hand und ohne Maschinen gebaut. Das funktioniert mit Backstein. Wir haben einen sehr guten Maurer, andere Arbeitskräfte werden geschult – auch diese Ausbildung ist Teil des Projekts.

Apropos Low-Tech: Welche Bedingungen haben Sie an dem Ort vorgefunden, wo weder Wasser noch Strom fließen?

KE: Bevor wir mit dem Bau anfangen konnten, mussten wir genau erkunden, wo und wie die Märkte sind. Welches Material, welches Werkzeug und welche handwerklichen Fähigkeiten sind bereits da? Dann standen wir auf dem Grundstück, auf dem keinerlei Einrichtung war, und haben geschaut, wie der Boden beschaffen ist, ein Gutachten für die Fundamente eingeholt, solche Dinge. Wir haben mit einem Vorarbeiter ein lokales Team zusammengestellt, das zum Teil noch heute auf der Baustelle mitwirkt. Wir haben zunächst Holz und Schnüre gekauft, ein Gerüst gebaut, mit Maismehl die Position der Fundamente auf den Boden gezeichnet und dann mit 20 Arbeitern angefangen zu graben. Selbst bei dem aktuellen zweigeschossigen Bauteil waren keine Rampen oder Treppen notwendig. Die Materialien wurden in Eimern an Schnüren hochgezogen. Die Arbeiter sind enorm kreativ; ich finde es auch sehr innovativ, wie sie mit einer quasi technikfreien Baustelle umgehen.

Das bedeutet?

KE: Die einzigen Geräte sind akkubetriebene, gespendete, die wir aus Deutschland mitgebracht haben. Die werden genauso wie die beiden Handys und ein Laptop über ein Solarpaneel aufgeladen oder wenn der Generator läuft. Wir haben auch gelernt, ganz anders über Ressourcenverwendung nachzudenken. Etwa, wenn in der Regenzeit die Fundamentlöcher volllaufen: Dann nehmen wir das Wasser aus den Löchern zum Anmischen von Beton und Mörtel.

Die Schule ist inmitten kleiner Siedlungshäuser der mit Abstand größte Bau. Wo kam das Baumaterial her?

KE: Es gibt lokale Ziegeleien. Wir haben dennoch zunächst überlegt, die Ziegel selbst herzustellen. Letztendlich war es einfacher, die professionell hergestellten und zertifizierten Steine zu kaufen. Wegen der Bogenkonstruktionen brauchten wir feste Steine; es schien uns zu riskant, sie selbst zu produzieren. Es ist in Simbabwe auch ein Unterschied, ob man in der Stadt oder auf dem Land baut, abseits der Stadt müssen die Ziegel nicht zertifiziert sein.

Diese Entscheidung hat auch die lokale Wirtschaft angekurbelt.

KE: Ja, auch das. Außerdem ließen sich die Produktion und der Einkauf solcher Mengen mit den klimatischen Bedingungen besser koordinieren, denn es macht keinen Sinn, die Steine während der Regenzeit zu trocknen.

Gab es in Simbabwe historische Vorbilder, an denen Sie sich für Ihren Entwurf orientiert haben?

KE: Eine spannende Frage. Und passend, denn ich sitze gerade in einem Promotionsprogramm, das sich mit diesem Thema beschäftigt. Es gibt die berühmte Ruinenstätte Great Zimbabwe, sie ist Weltkulturerbe. Sie ist 500 Jahre alt, und dort gibt es runde Strukturen aus Naturstein, ohne Mörtel vermauert. Sehr beeindruckend! Daher kommt übrigens der Landesname: Simbabwe bedeutet „Haus aus Stein“. Dann gibt es die traditionellen Gehöfte, die zwar eher aus Holz und Lehm gebaut sind, aber runde Formen haben. Dem Motiv begegnet man immer wieder. Wir haben es in der Schule durch die Rundbögen (die also nicht ausschließlich konstruktiv bedingt sind) aufgenommen, und auch einen Brunnen gebohrt, der mit einer runden Mauer mit bogenartigem Zugang umgeben ist. Ich glaube aber, dass dieser Einfluss erst im Nachgang bemerkbar wird, ich habe das nicht bewusst im Entwurf aufgenommen.

In welchem Stadium befindet sich die Schule jetzt? Und wie haben Sie die Baustelle organisiert, als Sie während der Pandemie lange nicht reisen konnten?

KE: Baustart war 2016. Wir hatten anfangs neun Bauabschnitte geplant, dann aber bereits früh auf sieben reduziert, denn wir haben festgestellt, dass wir routinierter wurden und auch mal acht statt sechs Monate – jeweils außerhalb der Regenzeit – durchbauen konnten. Mit dem sechsten Bauabschnitt sind wir jetzt fertig. Das örtliche Team und die Bauleitung sind inzwischen sehr gut eingespielt und organisiert, es ging auch über den virtuellen Kontakt weiter.

Die Schule hat längst die Funktion, Treffpunkt auch außerhalb des Schulbetriebs zu sein. Mit dem Hof gibt es einen definierten öffentlichen Raum, der der Siedlung vorher fehlte. Insgesamt hat das Projekt viel Aufmerksamkeit erregt. Könnte es sich zu einem Ensemble mit Vorbildcharakter entwickeln?

KE: Aufmerksamkeit in Deutschland – Preise, Veröffentlichungen – gibt es. 2017 war der erste Bauabschnitt für den Fritz-Höger-Preis nominiert. Davon bekommt man jedoch in Simbabwe nicht viel mit. Aber auf der Baustelle oder im Kontakt mit dem Architekten der Stadtverwaltung, der die Bauabschnitte abnimmt, kommen schöne Rückmeldungen. Die Schule wird sehr gut angenommen. Es gibt auch viel Neugier, etwa jetzt, wo mit dem sechsten Bauabschnitt erstmals ein zweigeschossiger Gebäudeteil entstanden ist.

Durch die Zweigeschossigkeit überragt dieser Abschnitt alle umgebenden Bauten und sorgt für viel Präsenz.

KE: Die drei Gründungsmitglieder der informellen Schule, die hier vor zwölf Jahren angefangen haben, sind auf diese Entwicklung sehr stolz. Es gibt noch viele Initiativen, die so improvisiert agieren und unterrichten, wie in Hopley vor zehn Jahren.

Die Schule wird rein aus Spenden errichtet. Welche Unterstützer gibt es außer den Initiatoren und Ingenieure ohne Grenzen vor Ort?

KE: Wir haben beispielsweise von einer Firma, bei der wir die Backsteine einkaufen, eine Materialspende erhalten. Von der Deutschen Botschaft kam für zwei Bauabschnitte eine Förderung. Das Interesse und damit ideelle Rückendeckung sind immer noch da. Vielleicht kommt, wenn ich dort bin, der Botschafter auf die Baustelle. Wir haben die Baubehörde auf unserer Seite, was uns nicht finanziell, aber auf bürokratischer Ebene sehr hilft.

Simbabwe ist kein stabiles Land. Welche Auswirkungen haben die politischen Bedingungen für das Projekt?

KE: Die bekommen wir zwar alle mit. Kurz vor dem Sturz von Mugabe gab es etwa viele Demonstrationen, und wir haben uns überlegt, ob das Team gut untergebracht ist. Das hat sich aber nur im Stadtzentrum bemerkbar gemacht. Wir werden als weiße Ausländer anders als weiße Simbabwer gesehen und können in Ruhe arbeiten. Mehr noch: Wir werden dort sehr herzlich aufgenommen.

Inzwischen haben Sie in Harare eine zweites Haus gebaut, in ganz anderem Maßstab und Kontext: Gerade ist ein Veranstaltungspavillon im Garten der Zimbabwe German Society, einem Ableger des Goethe-Instituts, fertig geworden. Auch das ist ein Ziegelbau, eine offene Struktur mit einer plastisch gemauerten Wand und stützenartigen, unterschiedlich gedrehten Wandstücken unter einem Holzdach. In diesem Fall handelt es sich nicht um eine ehrenamtliche Tätigkeit über „Ingenieure ohne Grenzen“, sondern einen klassischen Auftrag an Ihr Büro studio*K. Wie kam es dazu?

KE: Ich war dort auf einer Veranstaltung und habe die Direktorin kennengelernt. Die Idee und auch Entwürfe zu dem Pavillon gab es bereits; ich sollte zunächst nur beraten. Das mündete dann in einem neuen Entwurf von mir, für den hat sich die Direktorin schließlich entschieden. Das war 2019. Die Bauleitung unseres Schulteams hat glücklicherweise auch dort übernommen, denn während der Bauzeit 2020 konnte ich wegen der Pandemie kaum dabei sein. Jetzt ist der Pavillon fertig und wurde während meines Besuchs in Harare eingeweiht.

Sehen Sie im Backsteinbau inzwischen Ihren Schwerpunkt?

KE: Von Schwerpunkt möchte ich noch nicht sprechen. Ich arbeite eher aus dem Detail heraus, und das aktuell eben stärker mit dem Ziegel. Er wird auch insgesamt hoffentlich noch populärer, je mehr nach technisch weniger aufwendigen und dauerhafteren Bauweisen gesucht wird.

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