Die Weltspitze der Backstein-Architektur: Baukultur, die überdauert

Auf der Preisverleihung am 4. September wurden die Gewinner des Erich-Mendelsohn Preises 2026 für Backstein-Architektur bekannt gegeben. Bei ihrer Entscheidung legte die Jury, so die Pressemitteilung vom 7. September, in diesem Jahr besonderes Augenmerk auf drei Kriterien: den gestalterischen und konstruktiven Einsatz des Materials Backstein, den sensiblen Umgang mit dem Bestand sowie die Berücksichtigung sozialer Aspekte. Entlang dieser Kriterien entschied sich die Jury für die Erweiterung von Het Steen in Antwerpen von noAarchitecten als Grand-Prix-Winner.

„Die ausgezeichneten Projekte zeigen, wie zeitgemäß und vielseitig Backsteinarchitektur sein kann“, sagt Max Wasserkampf, Präsidiumsmitglied des Bundes Deutscher Architektinnen und Architekten BDA. Entscheidend sei dabei, dass Backstein nicht nur als prägendes Material eingesetzt, sondern als Teil einer ganzheitlichen architektonischen Haltung verstanden wird. „Die Gewinner stehen für eine Baukunst, die Material, Ort, Geschichte und soziale Verantwortung auf besondere Weise miteinander in Einklang bringt“, so Wasserkampf.

Grand Prix geht 2026 nach Belgien

Erstmals geht der Grand Prix nach Belgien – in ein Land, dessen Baukultur seit Jahrhunderten eng mit dem Backstein verbunden ist. Bei der Erweiterung und Restaurierung der mittelalterlichen Burganlage Het Steen in Antwerpen setzt das Büro noAarchitecten Backstein als Bindeglied zwischen historischer Substanz und zeitgenössischer Architektur ein. Das Projekt überzeugte die Jury durch die behutsame Weiterentwicklung des historischen Bestands und die Öffnung des Denkmals als lebendigen öffentlichen Ort.

Vom Vorgefundenen ausgedacht

Drei Goldauszeichnungen gehen in diesem Jahr in die Schweiz, die Niederlande und nach Deutschland. Auch diese drei Projekte entwickeln – jeweils auf unterschiedliche Weise – neue architektonische Qualitäten aus dem Vorgefundenen. Das Hotel Leo in St. Gallen begegnet seinem historischen Umfeld mit großer Zurückhaltung: Materialität und Farbigkeit nehmen Bezug auf die benachbarte Villa, während die präzise Setzung des Neubaus einen neuen öffentlichen Platz entstehen lässt. Beim Veemgebouw in Eindhoven wird ein modernistisches Lagerhaus mit minimalen Eingriffen weitergenutzt und um drei Wohngeschosse ergänzt. Wellenförmige Backsteinfassaden führen die Materialität des Bestands eigenständig fort und verbinden die Transformation mit bezahlbarem Wohnraum. Der Umbau des Siedlerhauses Battin wiederum setzt beim Archetyp des Wohnens selbst an: Backstein wird zum konstruktiven und räumlichen Ausgangspunkt einer Neuinterpretation elementarer häuslicher Räume und Rituale.

Dreimal „Best in Germany“

Mit „Best in Germany“ wurde 2026 erstmals eine Auszeichnung eingeführt, die den Blick gezielt auf die Verbindung von gestalterischer Qualität und nachhaltigem Bauen in der deutschen Baukultur richtet. Gleich drei Projekte überzeugten die Jury: Ein Monolith als Lückenschluss von DMSW Architektur Stadt Landschaft in Berlin-Neukölln, die Erweiterung der Kaiserin-Augusta-Schule von ZILA in Köln und die Sanierung und Erweiterung der ehemaligen Maschinenzentralstation in Hamburg von BIWERMAU Architekten. Alle drei Projekte verbindet ein sensibler Umgang mit dem städtischen Bestand und der Einsatz von Backstein als dauerhaftes, identitätsstiftendes Material. Während DMSW ein vermeintlich unbebaubares Grundstück in gemeinschaftlich getragenen Wohn- und Arbeitsraum verwandelt, führt ZILA mit rotem Backstein die Materialität des Bestands und der Kölner Umgebung weiter. BIWERMAU Architekten schenken dem UNESCO-Weltkulturerbe Speicherstadt mit der Sanierung der ehemaligen Maschinenzentralstation und der Wiedererrichtung des im Krieg zerstörten Kopfbaus ein Stück seiner ursprünglichen Gestalt zurück.

Antworten auf den Klimawandel

Wie Architektur einen konkreten Mehrwert für das städtische Zusammenleben schaffen kann, beschäftigt auch die nächste Generation. Die Newcomer-Jury zeichnete den Entwurf „Kühlturm“ von Deborah Süß, Architekturstudentin der HTWK Leipzig, mit Gold aus. Als Busstation verbindet das Projekt einen alltäglichen Ort des Wartens mit einem öffentlich zugänglichen Kühlraum für unsere zunehmend aufgeheizten Städte.

Die Vielfalt der Siegerprojekte zeigt, welche Themen die weitere Entwicklung der Baukultur bestim men werden – vom Umgang mit dem Gebauten über gesellschaftliche Teilhabe bis zur Anpassung an ein verändertes Klima. Ihr gemeinsamer Anspruch: eine Architektur, die sowohl konstruktiv als auch ästhetisch überdauert.

Winner Grand Prix | Het Steen (Antwerpen, BE) | noAarchitecten

Die Erweiterung von Het Steen in Antwerpen schreibt die bewegte Geschichte der mittelalterlichen Burganlage behutsam weiter. Ein neuer Flügel ersetzt einen Anbau der 1950er-Jahre, verbindet unterschiedliche Zeitschichten und stärkt das Bauwerk als historischen Ort, Passage und städtisches Wahrzeichen.

Winner Gold | Büro- und Gewerbebau | Hotel Leo (Zürich, CH) | Boltshauser Architekten

Der Hotelneubau setzt einen neuen Hochpunkt am Rand der St. Galler Innenstadt. Seine grünliche Backsteinfassade vermittelt zwischen Alt und Neu, während natürliche Materialien und eine flexible Gebäudestruktur nachhaltige Nutzung ermöglichen.

Winner Gold | Wohnungsbau/Geschosswohnungsbau | Veemgebouw (Eindhoven, NL) Caruso St John Architects

Das denkmalgeschützte VEEM-Gebäude wird mit minimalen Eingriffen umgenutzt und durch drei Wohngeschosse ergänzt. Die markante Aufstockung mit begrüntem Dachhof stärkt seine Rolle als Orientierungspunkt im Quartier Strijp-S.

Winner Gold | Einfamilienhaus/Doppelhaushälfte | Umbau Siedlerhaus Battin (Brüssow, DE) Klöpfel Zeimer Architekten

Ein präziser Raumeinbau aus Sichtmauerwerk ordnet ein Siedlerhaus der 1950er-Jahre von innen neu. Die begehbare Backsteinplastik verbindet die Geschosse und schafft neue Blick- und Wege-Beziehungen.

Winner Gold | Newcomer | Kühlturm | Deborah Süß (HTWK Leipzig)

Der Kühlturm am Bayerischen Platz verbindet industrielle Formensprache mit traditionellen Prin- zipien passiver Kühlung. Gedrehte Backsteine leiten kühle Winde ins Innere und schaffen einen öffentlichen Rückzugsort.

Best in Germany | Wohnungsbau/Geschosswohnungsbau | Ein Monolith als Lückenschluss DMSW Architektur Stadt Landschaft

Auf einem als unbebaubar geltenden Grundstück in Neukölln schließt ein markanter Backsteinbau den Blockrand. Seine besondere Kubatur übersetzt komplexe Vorgaben in eine prägnante architektonische Figur.

Best in Germany | Öffentliche Bauten, Freizeit und Sport | Erweiterung Kaiserin-Augusta-Schule (Köln, DE) | ZILA

Die Erweiterung der Kaiserin-Augusta-Schule ergänzt den fragmentierten Blockrand des Kölner Georgsviertels. Roter Wasserstrichziegel und differenzierte Fugenraster greifen die heterogene Umgebung auf und verleihen dem Neubau eine ruhige Eigenständigkeit.

Best in Germany | Büro- und Gewerbebau | Maschinenzentralstation (Hamburg, DE) | BIWERMAU Architekten

Durch die behutsame Sanierung und Erweiterung der ehemaligen Energiezentrale in der Hamburger Speicherstadt entsteht ein Ensemble, das ein Stück Stadtreparatur schafft, während die unterschiedlichen Zeitschichten sichtbar gemacht werden.

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