02.03.2011 News: Vierter ABC-Architektentag 2011: Kontinuität in der Architektur ist gefordert

Im historischen Ambiente der Klosteranlage Gravenhorst bei Ibbenbüren veranstaltete die ABC-Klinkergruppe am 16.2.2011 ihren vierten ABC-Architektentag. Hermann Berentelg, geschäftsführender Gesellschafter der ABC-Klinkergruppe in Recke, konnte rund 250 Gäste aus Architektur, Bau und Verwaltung, die aus ganz Deutschland und den Niederlanden angereist waren, begrüßen. Im Fokus des jährlich stattfindenden ABC-Architektentages stehen weder Normen noch Regularien, sondern die Auseinandersetzung mit der Sichtweise von Architekten. Mit Prof. Luigi Snozzi, Jan Kleihues und Johannes Götz hat das in der fünften Generation erfolgreiche Familienunternehmen höchst interessante Architektenpersönlichkeiten zur Darstellung ihrer Prinzipien eingeladen.

 

Nach den Grußworten des Bundestagsabgeordneten Dieter Jasper eröffnete Dr. Hans-Dieter Krupinski die Veranstaltung mit einem Einführungsreferat zum Thema Bauen im demografischen Wandel. Der Ministerialdirigent a.D. beim nordrhein-westfälischen Bauministeriums plädierte für eine Stärkung des selbständigen Wohnens im Alter und stellte anhand ausgewählter Beispiele dafür geeignete Formen des gemeinschaftlichen Wohnens vor.

 

Johannes Götz - Zurückgreifen auf Bewährtes

Johannes Götz aus Köln entwirft ausschließlich Privathäuser mit dem Ziel, sie qua seiner Definition unauffällig als Alltagshäuser zu bauen. Die Ästhetisierung der Nüchternheit will Johannes Götz dabei vermeiden, er schätzt den gegenständlichen Charakter der Architektur ebenso wie eine solide und alterungsfähige Materialität.

Leidenschaftlich stellte der Kölner Architekt seine Überzeugung dar, dass das Zurückgreifen auf Bewährtes eine bessere Strategie darstelle als das Geniale nicht zu erreichen. Der geografische und kulturelle Ort eines Projekts sei ist für ihn wichtigster Ausgangspunkt, gerade weil sich die Anforderungen innerhalb der Standzeit eines Hauses meist mehrfach ändern und kaum ein Bauherr das wolle, was er zu Projektbeginn glaubte zu wollen.

Grundsätzlich beschäftigten ihn die Fragen, wie ein Haus auf den Boden kommt, wie das Verhältnis von Wand zur Öffnung ist und wie technische Notwendigkeiten integriert werden. Die von ihm entworfenen Häuser werden ausnahmslos von einem Sockel getragen, denn sie mit der Erde zu verwurzeln, ist ihm ein besonderes Anliegen. Anhand der gezeigten Wohnhäuser erläutert Johannes Götz, wie er seine vier wichtigen Kriterien von geometrisch, kubisch, klassisch und regelmäßig umsetzt. Von innen betrachtet empfindet er viele Häuser als Rohbauten. Aus diesem Grund beschäftigt er sich auch mit der Innengestaltung, wobei es ihm stets um das Ganzheitliche geht, also den Entwurf einer Raumsituation und nicht eines einzelnen Details. 

Jan Kleihues - Respekt vor dem Ort

Nach der Überzeugung von Jan Kleihues geht die Kontinuität im Sinne einer Definition von Architektur mehr und mehr verloren. Statik und konstruktive Gesetzmäßigkeiten sind aufgrund der technischen Möglichkeiten nach seiner Meinung aufgehoben. Der Drang nach Individualität, nach dem Einzigartigen und Neuem, nach noch nie Dagewesenem und auf sich selbst Bezogenem stehe im Vordergrund und ignoriere dabei allzu oft die Umgebung. Damit verschwimmen die Maßstäbe für eine qualitative Bewertung, so lautete seine Botschaft.

Wie essentiell die genaue Analyse des Ortes in seiner physikalischen Beschaffenheit und geistigen Ausstattung als Ausgangspunkt alles Entwerfens ist, betonte Jan Kleihues in seinem Vortrag. Die Wahrung der Identität eines Ortes habe für ihn oberste Priorität. Bei der Planung helfe ihm ein dreistufiger Kategorienkanon aus Planimetrie, Stereometrie und Physiognomie, um mit dieser integralen Betrachtung Determinanten wie das Stadterbe in den Entwurf einfließen zu lassen.

Eindrucksvoll schilderte Jan Kleihues wie er diese Sichtweise beim Neubau des Maritim Kongresshotels in Berlin-Mitte mit 1.000 Betten umsetzte. Im Fokus stand die absolute Nähe zum Shellhaus von Emil Fahrenkamp erbaut. Nicht der Wille in diesem baulichen Kontext mit einem Gebäude aus dem Rahmen zu fallen, war die Idee, sondern sich in die Umgebung zu integrieren. Aus dieser Überlegung ein Ensemble zu entwerfen, das nicht gegen das Shellhaus gerichtet ist, auch nicht kompositorisch, ist eine turmartige Ausformulierung entstanden, wie es Jan Kleihues bezeichnete. Als Fassadenmaterial für das 160 m lange Gebäude hat sich der Berliner für römischen Travertin entschieden aufgrund seiner weich-seidigen, nicht steril empfunden Anmutung – nach einem langen Entscheidungsprozess also die Wahl der gleichen Materialität wie beim Shellhaus. Charakterisierende Antworten auf die Nachbarschaft des Shellhauses waren die Übergänge nach dem Nut-und-Feder-Prinzip: die runde Ecke mit der Nut und die eckige Ecke mit dem Federprinzip zu gestalten.

Weiter präsentierte Jan Kleihues den Neubau des Hotel Concorde in Berlin Charlottenburg mit 500 Betten als ein Fünf-Sterne plus Hotel sowie weitere Projekte in Berlin und im Ausland.

 

 

Prof. Luigi Snozzi - Vielfalt als Präludium zur Monotonie

Recht munter mit seinen 79 Jahren stellte Prof. Luigi Snozzi geradewegs aus Mailand eintreffend seine Überzeugungen unter sein bekennendes Motto „Es lebe der Widerstand“. Vehement postulierte er, dass der Architekt seiner Verantwortung nicht ausweichen dürfe, da Architektur keine neutrale Disziplin gegenüber der Gesellschaft sei. Architektur strebe nach Permanenz, wo sich Politik und Gesellschaft an dem Flüchtigen orientieren. Für ihn ist die Stadt die natürliche Heimat des Menschen. „Die Architekten schießen sich nur auf ihr Projekt ein, das sie umsetzen wollen, um damit die Stadt zu verbessern“, sagte er. Die Örtlichkeit wird seiner Meinung durch dieses Vorgehen verwässert. Dadurch entstehe nichts anderes als eine Summe von einzelnen Bauten, die die Monotonie einer Stadt sogar noch unterstreicht. So interpretiert er diese Vielfalt als Präludium zur Monotonie. Er stellte seine Studie zur Deltametropole Holland vor sowie Überlegungen zu Stadterweiterungen in Italien und der Schweiz. In den Kontext der vorhergehenden Vorträge passte seine Forderung, dass es in der Architektur nichts Neues zu erfinden gäbe, sondern alles wiederzufinden sei.

ABC-Klinkergruppe
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