Es geht weiter im Ziegelwerk Nordhausen mit neuem Eigentümer und Geschäftsführer
2. Einleitung
Eine sehr erfreuliche und etwas überraschende Branchennachricht kam zuletzt aus Thüringen: Eine familiengeführte Ziegelei für Hintermauerziegel hat einen Nachfolger gefunden. Seit dem 30. Dezember 2025 ist Marco Prange der neue Eigentümer und Geschäftsführer des Ziegelwerks Nordhausen Dipl.-Ing. Sourell GmbH am Südrand des Harzes. ZI war vor Ort und hat mit ihm und dem alten Eigentümer, Dipl.-Ing. Thomas Sourell, gesprochen. Im Folgenden erfahren Sie, wer der Käufer ist, warum er sich in der aktuellen Lage ein HMZ-Werk aufbürdet und warum Nordhausen sich genau dafür anbietet.
2. Der Käufer – Mit Ziegelwerk aufgewachsen
Das Ziegelwerk Wefensleben in der Magdeburger Börde hat Marco Prange geprägt. Sein Vater arbeitete dort, erst ein VEB der DDR, seit 1990 ein Betrieb von Wienerberger. Das Werk war dem jungen Prange Heimat, den Schornstein hatte er immer vor Augen, sagt er. Als Schüler half er im Werk aus, stapelte Paletten und fuhr die Kehrmaschine, später absolvierte er dort seine Ausbildung zum Industriemechaniker. Nach einigen Umwegen begann Prange 2010 dort zu arbeiten, erst als Schichtschlosser, dann Instandhaltungsleiter und nach 2022 als Produktionsleiter. Berufsbegleitend qualifizierte er sich zum Industriemeister Metall in 2012 und zum technischen Betriebswirt in 2018.
Das Werk beschreibt Prange als seinen Lebensmittelpunkt. Nicht nur, weil er von 8 bis 18 Uhr im Betrieb und bis 4 Uhr morgens abrufbar war. Die Belegschaft war seine Familie, sein Vater, Onkel und die besten Freunde arbeiten immer noch dort. Weihnachten verbrachte er mit ihnen auf Schicht. Für diese lehrreichen und guten Jahre der Zusammenarbeit dankt er seiner ganz alten und seiner alten Mannschaft, und besonders seinem früheren Produktionsmeister Ingolf Kuch und Werkleiter Friedrich Hobohm, sowie seinem Vater Gerd Prange.
Das Tüfteln an und Lösen von Produktionsproblemen hat Prange besondere Freude bereitet. Die Herausforderung, die Anlage wieder zum Laufen zu bringen, hat er gern angenommen. „Wenn andere die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen haben, begann für mich der Spaß“, sagt er. Auch für die Produktentwicklung kann er sich begeistern. Mit Zufriedenheit erinnert er sich an viele Nachtschichten, in denen er mit Kollegen Mundstücke für neue Formate in Wefensleben entwickelt und getestet hat.
3. Übernahme statt Stellenwechsel
Die Leitung des Ziegelwerks Nordhausen zu übernehmen hatte Prange nicht beabsichtigt. Eigentlich suchte er nach einer Möglichkeit, die engen Grenzen und starren Bedingungen der Arbeit im Konzern zu verlassen. Deshalb erkundigte er sich, als er durch einen Bekannten den Hinweis bekam, dass im Nordhausener Ziegelwerk Unterstützung gesucht wurde, dort. Doch Thomas Sourell suchte keinen Produktionsleiter, sondern altersbedingt einen Nachfolger. Prange war nach einer Führung durch das Werk von dessen technischer Ausstattung und sehr gepflegtem Zustand begeistert und trotz Sourells Warnung interessiert. Ihn reizte, sich im eigenen Werk auf die Herstellung von Ziegeln zu konzentrieren und es besser zu machen, als er es bisher erlebt hatte. Schließlich und wider Erwarten entschied sich Sourell, ihm das Werk zu verkaufen.
4. Der Verkäufer – Ziegler in vierter Generation
Das Ziegelwerk Nordhausen ist sowohl das Lebenswerk von Thomas Sourell als auch Teil seiner Familiengeschichte. Bis zur Überführung in Volkseigentum 1972 war es im Familienbesitz. Danach arbeitete Sourells Vater dort als Betriebsleiter und die Familie wohnte bis 1974 direkt am Werk. Nach der Wende konnte der studierte Bauingenieur Thomas Sourell das Werk im Mai 1990 wieder übernehmen und in vierter Generation leiten. Dass er ursprünglich Maschinenbau studieren wollte und dieses Interesse beibehalten hatte, hat die weitere Entwicklung des Ziegelwerks Nordhausen maßgeblich geprägt. Denn das zu DDR-Zeiten heruntergewirtschaftete Werk brannte noch mit Ringofen und war, wie Sourell eine Fachzeitschrift zitiert, ein „erhaltenswürdiges Industriedenkmal“.
Schritt für Schritt modernisierten Sourell und seine Mannschaft die Produktionsanlagen. Dabei haben sie, wie er betont, immer Brötchen gebacken, die nicht größer sind als der Hunger. Investitionskosten und Kreditlinien blieben immer in einem überschaubaren Rahmen. Vieles geschah in Eigenleistung, technische Planungen hat Sourell immer selbst übernommen und, soweit möglich, mit den eigenen Leuten umgesetzt, wie die Ofenkubatur, die Gleise, Nass- und Trockenseite, die Schaltschränke etc. (für eine ausführliche Beschreibung vgl. ZI 8/2016, S. 43ff.) „Bis auf Software können wir alles“, sagt Thomas Sourell.
Ihm war es im Interesse seiner Mannschaft wichtig, den Werksbetrieb zu erhalten. Anderen Interessenten, die sich bei Sourell meldeten, ging es weniger um das Werk, sondern um die Nutzung des in der Mitte Deutschlands gelegenen Standorts für den eigenen Vertrieb oder um die Gruben oder Maschinen. Als zweiten Grund, der für Marco Prange sprach, führt Sourell an, dass er ihm den Job technisch zugetraut habe.
5. Finanzierung als Gemeinschaftsprojekt
Den Kaufpreis für ein Ziegelwerk zu stemmen, ist keine triviale Aufgabe, besonders nicht für einen Angestellten. Sourell unterstützte Prange dabei und organisierte die Finanzierung über ein Netzwerk aus mehreren Banken sowie Krediten aus dem European Recovery Program. Grundlage für die Zusagen war ein mehrjähriger Businessplan, den Sourell als tadellos und für die Ziegelbranche untypisch bezeichnet. Weitere Unterstützung erfuhren die Kreditanträge durch die Industrie- und Handelskammer Nordhausen sowie einen Notar, der sich dazu bereit erklärte, feiertags zu arbeiten, damit der Eigentumsübergang rechtzeitig am 30.12. vollzogen werden konnte. Sourell betont, dass dieser Erfolg Ergebnis des Einsatzes aller Seiten war.
6. Das Werk und seine Besonderheiten
Die erfolgreiche Fremdfinanzierung war laut Sourell nur möglich, weil das Werk sehr gute Zahlen schreibt und gut aufgestellt ist. Auf die Gründe dafür angefragt, weist er zunächst auf „das wache Auge des Chefs“ hin, bevor er noch einige andere Faktoren aufzählt. Zunächst habe man zweimal in den vergangenen Jahren ein glückliches Händchen beim Energieeinkauf bewiesen und im März 2021 und im Jahr 2025 zum richtigen Zeitpunkt für Strom und Gas mehrjährige Kauf- und Lieferverträge geschlossen. Weiterhin sei das Werk technisch und organisatorisch auf eine sehr schlanke Personalstruktur mit insgesamt nur 16 Mitarbeitern und gleichzeitig auf hohe Flexibilität bei einer Jahresproduktion von rund 40 Millionen NF ausgelegt.
6.1. Die Tongrube
Der Ton wird in monatlichen Kampagnen abgebaut. Ein Mann fährt in einer Woche den Vorrat für einen Monat aus beiden Gruben. Mit Dumper, Radlader und Bagger ist der Tonabbau technisch gut ausgestattet, die Gruben liegen nur wenige hundert Meter neben dem Werksgelände und sind über Privatwege erreichbar. Die Entstehungskosten liegen zwischen lediglich 80 Cent bis zu einem Euro pro Tonne Ton. Die Gruben liefern drei verschiedene Tonsorten, zwei verschiedene Qualitäten für Ziegel und eine geeignet für Wasser- und Deponiebau. Rechnerisch reicht das Vorkommen bei derzeitiger Kapazität für über 400 Jahre.
6.2. Entkoppelte Anlagen mit Puffer
Die Werksanlagen sind auf Puffer sowie entkoppelte Produktion ausgelegt. Geht die Aufbereitung kaputt, kann die Presse trotzdem mit dem bereits aufbereiteten Rohstoff aus den zwei Vorratskastenbeschickern weiterfahren. Dank zweier Vorratsgleise neben dem Tunnelofen sowie 15 „überzähliger“ Ofenwagen ist es sowohl möglich, immer zu setzen, als auch, auf Puffer zu fahren. Das reduziert nicht nur Standzeiten bei unvorhergesehenen Vorkommnissen und Notfällen, sondern ermöglicht einen werktäglichen Einschichtbetrieb. Nachts, an Wochenenden und Feiertagen gibt es nur Bereitschaft.
6.3. Produktflexibilität
Darüber hinaus erlauben die Werksanlagen flexible Änderungen in und während der Produktion. Die Setzmaschine kann mit sehr wenigen Umbauten über 120 Formate händeln. Die Kammertrockner können unabhängig voneinander chargenweise mit unterschiedlichsten Rohdichten beschickt werden. Mit den zwei Vorratsgleisen ist es möglich, leichte und schwere Chargen im Ofen zu mischen, ohne an der Ofenfahrung Änderungen vornehmen zu müssen.
6.4. Verzicht auf Vertrieb in Nischen
In Nordhausen fallen keine Kosten für Vertrieb und Außendienst an, weil es beides nicht gibt. Der Absatz ruht auf drei Säulen. Die erste, die regionale Bautätigkeit, ist in den vergangenen Jahren kleiner geworden. Die zweite Säule umfasst die Produktion von Sondersteinen für andere Ziegelhersteller, denen Kapazitäten und Fähigkeiten fehlen, wie bspw. für Deckenträgerschalen. Die dritte Säule bilden Spezialprodukte für denkmalpflegerische und rekonstruktive Projekte. In diesem Bereich hat sich das Werk Nordhausen u.a. mit Ziegellieferungen für das Stadtschloss und die Staatsbibliothek in Berlin einen sehr guten
Ruf erworben.
6.5. Spezialität Produktentwicklung
Die Entwicklung von Sondersteinen sowie Spezialformaten für den Denkmalbereich ist eine Spezialität des Werks Nordhausen. Die Werksausstattung erlaubt Kleinserien und Versuche, die Mannschaft ist für diese schwierige Aufgabe qualifiziert und motiviert. Vor Belieferung des Stadtschlosses gab es einige Hürden zu überwinden, mittlerweile haben sie neun Formate dieses Spezialproduktes im Angebot. „Das“, betont Sourell, „zeichnet uns aus, wir machen Dinge kostengünstig, die andere gar nicht herstellen können oder wollen.“
Rund 130 verschiedene baukeramische Produkte bietet das Werk an, darunter: Hochloch- und Wärmedämmziegel, Schallschutzziegel, Spezialsteine wie U- und Deckenträgerschalen, Reichs- und Dünnformate für den deutschen und österreichischen Markt, Innen- und Außenwandspezialziegel für den niederländischen und belgischen Markt, Lüftungsziegel für den polnischen Markt.
6.6. Eigener Maschinenbau
Die Flexibilität des Werks verdankt sich der Tatsache, dass Sourell alle Maschinen selbst konzipiert oder gekauft und umgebaut hat. So ist das Werk gleichzeitig auf den eigenen Bedarf zugeschnitten sowie mit Blick auf zukünftige Erweiterungen großzügig bemessen. „Wenn wir was machen, dann so ordentlich und vernünftig, dass es in Ruhe leben kann“, sagt Sourell. Auch um die Instandhaltung aller Anlagen nach dem System PVI (planmäßig-vorbeugende Instandhaltung), noch gelernt in volkseigenen Zeiten, kümmern sich die Nordhausener selbst.
Wegen dieses maschinenbaulichen Schwerpunktes hat Sourell immer nebenbei zwei Schlosser beschäftigt und Lehrlinge ausgebildet. Kapazitäten, die nicht für die Produktion benötigt wurden, steckte er in den werkseigenen Maschinenbau. So gab es, wie er schildert, selbst in Jahren mit nur sieben Monaten Produktion immer genug zu tun. Wiederum habe es ihn in den konjunkturell besseren Zeiten geärgert, dass dafür keine Zeit mehr blieb, obwohl es genug Ideen gab.
6.7. Einkünfte neben der Nische
Neben der Baustoffproduktion ist das Ziegelwerk Nordhausen auf anderen Geschäftsfeldern aktiv, die sich aus dem Standort ergeben. Der wasserbaufähige Ton wird für entsprechende Projekte verkauft. Für die ausgetonten Bereiche der Grube besteht eine bergrechtliche Genehmigung zur Verfüllung, die für eine Bauschuttdeponie genutzt wird.
6.8. Gute Mannschaft
Sourell betont als einen wichtigen Faktor die gute Mannschaft. Alle Produktionsmitarbeiter seien gut geschult, motiviert und leisten hervorragende Arbeit. „Die stehen gut hinter mir und Marco“, sagt Sourell. Prange bestätigt, dass eine gute Mannschaft das beste Kapital sei. Bei Wienerberger habe er versucht, ehrlich und aufrichtig zu führen, Fehler offen anzusprechen und auf Verbesserungen hinzuwirken. Dabei habe er durchaus auch den Grill angemacht, einen ausgegeben und mit der Mannschaft geredet. Das möchte er in Nordhausen fortsetzen.
7. Ausblick
Die Ausgangsbedingungen für Marco Prange scheinen recht gut auszusehen. Damit es so weitergeht, hat er eine Reihe von Plänen. Die Richtung, die er einschlägt, ähnelt der von Thomas Sourell.
So sieht er verschiedene Optionen, die Produktpalette zu erweitern. Die wachsende Popularität von Lehmsteinen bietet für das Werk ein Marktpotenzial, das er überprüfen möchte. Den Produktionsausschuss, der bisher in die Baustoffgrube gegeben wurde, möchte Prange versuchen, als Tennissplitt zu verkaufen.
Im Werk möchte er Vorbereitungen treffen, die Produktion bei Bedarf ausweiten zu können. So steht er derzeit im Kontakt mit dem Eigentümer eines benachbarten Grundstückes. Dieses würde es ermöglichen, den Kammertrockner ohne große Umstände und weitgehend in Eigenleistung auf doppelte Kapazität auszubauen. Er hat auch ein offenes Auge für Ersatzteile und Schnäppchen. Auf einem Schrottplatz hat er eine komplette Schleifanlage zu einem Bruchteil des Neupreises bekommen. Diese soll bis zu ihrer Verwendung eingelagert werden.
Für weitere Ideen, wie sich Werk, Produktion und Produkte weiterentwickeln lassen, und zum Austausch von Knowhow sucht Prange den Kontakt mit anderen Zieglern.
Die größte Herausforderung für ihn wird wohl, meint der neue Geschäftsführer, der Umgang mit bürokratischen Regulierungen und Behörden darstellen. Unterstützt wird er dabei von Thomas Sourell, der, seit dem 1. April im Ruhestand, ihm noch zwei Jahre als Berater zur Seite stehen wird. Aus eigener Erfahrung weiß Sourell, wie zeit- und kraftaufwändig dieser Teil der Geschäftsführung sein kann. Nicht nur wegen neu hinzukommender oder verschärfter Meldepflichten wie bspw. ISO 50001, sondern auch wegen technischer Probleme bei der Datenübermittlung, wie bei der letzten Umweltmeldung.
Prange sagt, er hätte sich noch vor zwei Jahren nicht träumen lassen, in Nordhausen zu führen. Ob es ein guter oder schlechter Traum wird, mal sehen. Er schätzt sich glücklich und rechnet es Thomas Sourell hoch an, dass er die Möglichkeit bekommen hat. Er hat sogar die Werkswohnung direkt am Standort bezogen, um dort die erste Zeit zu leben, während er sich mit dem Werk vertraut macht.
