Die deutsche und europäische Bauwirtschaft bis 2016

Die deutsche Bauwirtschaft befindet sich schon seit rund drei Jahren in einer guten Verfassung. Das signalisieren die Daten zum Geschäftsklima aus dem ifo Konjunkturtest. Bei den lediglich auf den Hochbau fokussierten freischaffenden Architekten hat sich das Klima sogar bis in diesen Sommer hinein verbessert. Es ist – vor allem dank umfangreicher Planungsaufträge für den Bau von Wohngebäuden – mittlerweile wieder so gut wie beim „Wiedervereinigungsboom“ Anfang der 1990er Jahre. Leicht rückläufige Auftragsbestände – sowohl bei den Baufirmen als auch den Architekten – zeigen jedoch seit einigen Monaten unmissverständlich auf, dass sich auch dieses Hoch einmal einem Ende nähert. Die Eintrübung ist jedoch bislang so gering, dass zumindest bis 2015 noch nicht mit Rückgängen bei den Bauinvestitionen zu rechnen ist. So wird die Nachfrage im Wohnungsbau seit 2010 von umfangreichen Zuzügen getrieben. 2012 kamen bereits rund 370 000 Personen mehr nach Deutschland als gleichzeitig Deutsche ins Ausland zogen. In diesem Jahr dürfte der Wanderungssaldo sogar 0,5 Mio. Personen erreichen, 2015 und 2016 nicht unter jeweils 400 000 liegen. Diese Entwicklung hatte zur Folge, dass – trotz einer weiterhin rückläufigen inländischen Bevölkerung – seit 2011 die Bevölkerungszahl insgesamt wieder zunimmt. Aufgrund der anhaltend starken Zuzüge wird sich die Bevölkerungszunahme bis 2016 fortsetzen. „Problematisch“ ist jedoch, dass sich die Zuzügler nicht gleichmäßig über Städte und Länder verteilen, sondern sich vornehmlich auf die wachstumsstarken Regionen konzentrieren – und dort vor allem auf die Großstädte mit 500000 und mehr Einwohnern. Die Forschungsinstitute haben in ihrer Herbstprognose die Wachstumsraten des Bruttoinlandsprodukts für 2014 auf 1,3% und für 2015 auf 1,2% herabgesetzt. Dennoch dürften die Beschäftigungssituation sowie die Einkommensperspektiven bis 2016 günstig bleiben. Auch die Arbeitnehmerentgelte dürften sich weiter positiv entwickeln. Dabei erhielten die Arbeitnehmer zuletzt sogar von einer recht ungewohnten Seite Unterstützung: dem Bundesfinanzminister sowie dem Chef der Bundesbank. Weiterhin wird den Wohnungserwerbern das niedrige Zinsniveau helfen, das noch einige Jahre anhalten dürfte. Hypothekendarlehen mit einer Zinsfestschreibung von 10 Jahren sind heute schon für weniger als 3% zu bekommen. Auch die Angst vor einer Immobilienpreisblase ist in Deutschland völlig unbegründet. Ganz im Gegenteil: Die lediglich in einigen Großstädten kräftiger angestiegenen Preise für Wohnimmobilien motivieren immer mehr potentielle Käufer oder Bauherren nunmehr in eine (eigene) Immobilie zu investieren. Hinzu kommt, dass sich große Teile der Bevölkerung um die Zukunft des Euro sorgen bzw. kaum andere Anlagealternativen sehen. In diesem Jahr dürften rund 215 000 Wohnungen in neu errichteten Wohngebäuden fertiggestellt werden. Bis 2016 erfolgt eine Steigerung auf rund 250 000 Einheiten. Mit 3,1 Fertigstellungen je 1 000 Einwohner dürfte dann auch wieder der Durchschnittswert für alle europäischen Länder übertroffen werden. Im gewerblichen Hochbau stagnieren seit rund 1½ Jahren die Auftragseingänge auf einem erhöhten Niveau. Bei den freischaffenden Architekten zeichnete sich bereits im Sommer 2012 eine Auftragsspitze bei den gewerblichen Planungsaufträgen ab. Mittlerweile liegt das Volumen der neu akquirierten Aufträge sogar leicht unter dem langjährigen Durchschnittswert. Im einigen Branchen zeigen sich überdies Produktionseinbußen sowie Gewinnrückgänge aufgrund der über Russland verhängten Sanktionen. Etliche Firmen klagen auch über die – aus ihrer Sicht – zu hohen Tarifabschlüsse. Dank der überdurchschnittlichen Qualifikation der Mitarbeiter dürfte die hohe Wettbewerbsfähigkeit jedoch im Großen und Ganzen erhalten bleiben, so dass sich die Nachfrage im Wirtschaftsbau in diesem sowie im nächsten Jahr noch positiv entwickeln wird. Die öffentlichen Bauinvestitionen waren bereits im 1. Halbjahr 2014 um 8,5% größer als im Vorjahreszeitraum, was ganz wesentlich an den überaus milden Wintermonaten lag. Deutlich erhöhte Steuereinnahmen sowie erste Mitteleinsätze aus dem 5 Mrd. € Programm des Bundes werden dazu führen, dass der öffentliche Bau in diesem Jahr merklich zulegt. Die Frühindikatoren weisen jedoch auf einen eher schleppenden Verlauf der öffentlichen Baunachfrage in den nächsten ein bis zwei Jahren hin. Impulse kommen lediglich von der verbesserten finanziellen Situation einiger Kommunen, den zusätzlichen Mitteln des Bundes sowie der Notwendigkeit, etliche Bestandsmaßnahmen nicht noch weiter aufschieben zu können. Nach einem Spitzenwert der europäischen Bautätigkeit im Jahr 2007 erfolgte in den darauf folgenden nur 6 Jahren ein dramatischer Einbruch. Das reale Bauvolumen erreichte 2013 wieder das Niveau des Jahres 1993. 2014 wird in der europäischen Bauwirtschaft nun das Jahr der „Wende“. Im Durchschnitt der Jahre 2014 bis 2016 wird ein Wachstum von rund 5½% p.a. prognostiziert. Die drei wichtigsten Treiber für die wieder positive Entwicklung sind: > Bevölkerungsanstieg und -wanderungen > Einkommenszuwächse und sinkende Arbeitslosigkeit > anhaltend niedrige Zinsen
 
Die Bevölkerung wird in Europa bis 2016 um insgesamt knapp 1% zunehmen, wobei es lediglich in Spanien, Portugal und Ungarn zu Bevölkerungsrückgängen kommen wird. Wanderungsbewegungen spielen dabei eine große Rolle. So wies beispielsweise Spanien in den ersten 5 Jahren dieses Jahrhunderts noch eine Zunahme der Bevölkerung um 3 Millionen auf. Deutlich über dem Durchschnitt liegen unter anderen die Bevölkerungszuwächse in allen skandinavischen Ländern sowie in der Schweiz. In Spanien und Portugal sind die Arbeitslosenquoten am höchsten, während wiederum alle vier skandinavischen Länder in der unteren Hälfte zu finden sind. Dabei weist die Schweiz, neben Norwegen, die niedrigste Quote auf. Es überrascht nicht, dass gerade diese Länder für die nächsten Jahre eine recht stabile Zuwachsrate bei den Bauinvestitionen von durchschnittlich 2-3% p.a. aufweisen. Bei einer Analyse auf der Basis der Bausparten zeigt sich, dass Irland – nach einem Einbruch der Wohnungsbauaktivitäten um 80% innerhalb von sieben Jahren bis 2013 – nunmehr bis 2016 das höchste Wachstum aufweisen wird. Großbritannien ist – unterstützt von staatlicher Seite – auf dem Weg zu einer weiteren spekulativen Immobilienblase. Im Nichtwohnhochbau wird zumindest für 2015/2016 in allen Ländern ein moderates Wachstum erwartet. Im Tiefbau wird die zukünftige Entwicklung bis 2016 vor allem in Tschechien und Frankreich recht zurückhaltend eingeschätzt. In Polen und der Slowakei dürfte jedoch – nach deutlichen Einbrüchen 2012 und 2013 – ein erhebliches Erholungspotential vorliegen.
 
Erich Gluch, ifo Institut,
BAU-Infogespräche, 16. Oktober 2014

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